Theosophischen Gesellschaft in Deutschland e.V.

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Literaturempfehlungen
Lichtstrahlen vom Orient. Manuskripte für Freimaurer
 
Autor: Kerning (Johann B. Krebs) / Franz Hartmann
ISBN: 3-89071-002-6

Lehrerin und Freundin

Autor: Walter R. Old, F. T. S.

Lehrerin und Freundin

Walter R. Old, F. T. S.

Meine erste Bekanntschaft mit Madame Blavatsky spann sich durch einen Briefwechsel über das Thema des westlichen Okkultismus an, und zwar im Jahre 1887.
 
Oft hatte ich mir gewünscht, ihr zu begegnen, und hatte mir auch einen Weg ausgedacht, wie ich mir diesen Wunsch erfüllen konnte, ohne die flüchtige Bekanntschaft, die mich mit der berühmten Auto­rin der „Entschleierten Isis" bereits verband, über Gebühr auszunüt­zen. Aber einige Monate gingen ins Land, und immer noch hatte ich Madame Blavatsky, aus Gründen, in denen ein zur Zurückgezogen­heit geneigtes Naturell allerdings einigen Trost finden konnte, nicht persönlich gesehen. Ich stand in täglichem Briefwechsel mit Mit­gliedern der Theosophischen Gesellschaft und anderen Partnern, die an den besonderen Themen ihrer Forschungen interessiert waren, und jeden Tag versetzte mich der Umstand, daß ich den großen Beweger, der die Renaissance des Okkultismus im 19. Jahrhundert bewirkt hatte, immer noch nicht gesehen hatte, in größere Unruhe. Aber ganz unerwartet und zu meiner großen Befriedigung erledigte sich die Sache plötzlich von selbst. In einem Brief teilte mir ein Londoner Freund mit, er habe einige Freunde zu sich eingeladen, um die Probleme zu diskutieren, die uns alle so am Herzen lagen, und wenn ich an dem und dem Abend zu ihm in die Stadt käme, würde er mich am nächsten Morgen mitnehmen und H. P. B. vorstellen.
 
Ich ging also, aber nicht um meine Freunde zu besuchen oder Probleme zu diskutieren, sondern mit dem einzigen Gedanken und der einzigen Absicht, H. P. B. zu begegnen.
 
In dieser Nacht schien es mir, als ob die Zeit stillstünde, nur um mich wegen meiner Ungeduld auszulachen. Aber schließlich kam doch der Morgen, ein herrlicher Sommertag, und gegen Mittag befand ich mich mit meinem Freund in dem Haus in Notting Hill, von wo, so sagte er mir, alles Leben der Theosophischen Gesellschaft ausging.
 
Wir traten ein, man führte uns in den Empfangsraum — zumindest nahm ich an, daß das seine Bestimmung war, denn ich habe niemals einen Raum wie diesen gesehen und werde wohl auch keinen mehr sehen. Aber nein, ich hatte mich geirrt, denn ein paar Sekunden spä­ter erhob sich H. R B. nach einem herzlichen Gruß meines Freundes von ihrem Schreibtisch, wo sie ein ungewöhnlich großer Armsessel unserer Sicht entzogen hatte, kam uns entgegen und hieß uns will­kommen.
 
Die größten und hellsten blauen Augen, in die ich jemals geschaut habe, richteten sich weit offen auf mich, als sie meine Hand nahm und mich begrüßte. All meine Verwirrung, mit der ich insgeheim gerechnet hatte, fiel bei ihren ersten Worten von mir ab. Ich fühlte mich bei H. P. B. sofort wie zu Hause und sehr behaglich. „Nein, ich möchte nicht ,Madame' genannt werden, nicht von meinem besten Freund, von so etwas war gar nicht die Rede, als ich getauft wurde, nennen Sie mich bitte einfach H. P. B. Setzen Sie sich doch, natürlich rauchen Sie, ich mache Ihnen schnell eine Zigarette. E., du Kinds­kopf (das galt meinem Freund), wenn Du mir meine Tabakdose dort holst, werde ich wohl glauben müssen, daß Du ein Gentleman bist." Dann erklärte sie mir lachend, so fröhlich und übermütig wie ein Kind, E. und sie seien „alte Freunde" und sie habe ihn sehr gerne, aber oft nütze er ihr Alter und ihre Unschuld aus. Unter solchen klei­nen Anzüglichkeiten nahm H. P. B. etwas Tabak aus der Dose und drehte Zigaretten für uns beide. Hierauf setzten wir uns zu ernsteren Gesprächen, und H. P. B. fragte mich über meine Beschäftigung mit Theosophie und westlichem Okkultismus aus. Sie erzählte mir, wie günstig sich die theosophische Bewegung entwickle und daß man in der Öffentlichkeit dies und jenes darüber sage und daß die Zeitungen noch viel mehr dazu zu sagen hätten und daß sie sich alle irrten, weil sie nicht verstehen könnten, vergessen hätten, was in den Geschichts­büchern stand, und nicht sehen könnten, welche Richtung die Bewe­gung nehme. Dann bat sie mich, etwas von mir selbst zu erzählen, gab mir praktische Hinweise, und kurze Zeit später hatte ich mich von der interessantesten Persönlichkeit verabschiedet, die mir jemals begegnet war.
 
Das also waren die Umstände, unter denen ich persönliche Bekannt­schaft mit meiner geliebten Lehrerin und Freundin schloß. Ich war auf die denkbar günstigste Weise von all dem, was ich während dieser kurzen Visite im Quartier der Theosophen gehört und gesehen hatte, beeindruckt. Woran ich mich bei H. P. B. besonders lebhaft erinnere, sind ihre überwältigende Freundlichkeit, ihre furchtlose Aufrichtig­keit, ihr lebhaftes Temperament und vor allem die Begeisterung, mit der sie von der Arbeit sprach, die vor der Theosophischen Gesell­schaft lag. Als mir viele Monate später der Vorschlag gemacht wurde, direkt ins Hauptquartier in London überzusiedeln, das sich damals in der Lansdowne Road befand, erklärte ich mich überglücklich einver­standen. Ich wäre sonstwo hingegangen, nur um den klaren, starken Einfluß von H. P. B.s Beispiel und Lehre noch direkter spüren zu können. Der Eindruck, den ich gleich zu Anfang von ihrem Charak­ter gewonnen hatte, blieb während unserer sehr engen Beziehung, bis sie von uns ging, unverändert. Bei all meinen Problemen, sei es beim Studium ihrer Lehren, sei es bei der Arbeit, habe ich sie stets als kluge Ratgeberin und starke Führerpersönlichkeit erlebt. War ich krank oder traurig, so war sie immer freundlich, zartfühlend, hilfs­bereit und machte mir Mut. Mit einem Wort, niemand hat in meinem Leben eine so große Rolle als Freundin und Lehrerin gleichzeitig gespielt wie sie, und es gibt niemanden, dem mein Herz so dankbar entgegenschlägt.
 
Ich sprach schon von der begeisterten Hingabe, mit der H. P. B. der Sache diente, die sie vor der Welt zu vertreten die Ehre hatte. Nie­mand, der den Vorzug genoß, mit H. P. B. arbeiten zu dürfen, konnte über diesen Punkt im Zweifel sein.
 
In einem ihrer ersten Briefe an mich, den sie in ihrer besonderen, ausländisch geprägten Ausdrucksweise formulierte, teilte sie mir mit, daß „der erste Band meines Buches (die Geheimlehre) gesetzt ist, und ich stehe in diesen Tagen immer schon um fünf Uhr auf". Ihre Aus­dauer kam in jeder Hinsicht ihrer Hingabe gleich. Sie war eine uner­müdliche Arbeiterin. Ich habe sie schon um sechs Uhr morgens am Schreibtisch sitzen sehen, und oft hatte sie auch in den kältesten Wintertagen schon mehrere Seiten beschrieben, bevor sie ihr Früh­stück einnahm. Ihr Fleiß und ihre Zähigkeit versetzten mich oft in Erstaunen, vor allem, wenn ich erwog, daß sie einen Großteil des Lebens in der ewigen Aufregung ihrer Reisen und Abenteuer ver­bracht hatte. Es gibt zahlreiche Ziele, für die Männer und Frauen sich eingesetzt haben und auch gestorben sind, und sie sind von unter­schiedlichem Wert. Sicher ist aber, daß sich niemand für sein Ziel glühender, ausdauernder und unter größeren Schmerzen eingesetzt hat, als H. P. B. für die Theosophie. Noch am Abend vor ihrem Hingang saß sie für ein paar Minuten an ihrem Schreibtisch und ordnete zum letzten Mal ihre Papiere. Ein Editorial lag halb vollendet auf dem Tisch, als sie zum letzten Mal die Feder beiseite legte, um sich zur Ruhe zu begeben. Ich war bei ihrem Hingang zugegen. Ihre rechte Hand erkaltete in der meinen. Ich will gar nicht erst den Ver­such machen, meine Empfindungen zu beschreiben, als mir zum ersten Mal dämmerte, was wir an ihr verloren hatten, mag dieser Ver­lust auch nur vorübergehend sein. Diese Augenblicke des höchsten Schmerzes, wo Selbstmitleid und Freude, daß sie, die ich liebte, jetzt Frieden hatte, mit größter Heftigkeit um die Vorherrschaft stritten und mich innerlich zerrissen, werden immer zu den heiligsten Erinnerun­gen meines Lebens gehören.
 
Die letzten Worte aus ihrer Feder dienten der Verteidigung der Wahr­heit, für die sie gelebt hatte. Sterbend formten ihre Lippen Worte der Ermutigung an alle, auf denen die Last des Werkes nach ihrem Hingang ruhen würde. Was spielt es da für eine Rolle, daß viele öffentliche Meinungsmacher ihr die Lauterkeit der Motive abspra­chen, die sie selbst als erste für sich in Anspruch nehmen würden? Was spielt es für eine Rolle, daß ihr unermüdlicher Einsatz für die Sache der Wahrheit von der oberflächlichen Menge nur mit Hohn, Spott und hämischem Gelächter beantwortet wurde, und daß ihre Freundschaft aus verletzter Eitelkeit von ein paar Menschen verraten wurde, von denen jetzt schon niemand mehr spricht? In ihrem Ziel war sie unbeirrbar und bewältigte über alles Denken und Meinen ihrer Gegner hinaus erfolgreich die Aufgabe, die sie unter so entmuti­genden Umständen in Angriff genommen hatte. All jene zumindest, die mit ihr zusammenlebten und sie am besten kennen mußten, können bestätigen, wie rein und selbstlos ihr ganzes Wesen und wie inspirierend ihre Lehren und ihr Beispiel waren. Ich könnte nichts sagen, was der Schönheit und Reinheit, die in ihrem Wesen lagen, etwas hinzufügen könnte, und so leiste ich nur mit dem Gefühl dankbarer Hingabe und im Bewußtsein meiner Pflicht diesen geringen Beitrag zum Gedächtnis meiner größten Freundin.
 
Aus „H. P. Blavatsky, Die Botin des Neuen Zeitalters, von ihren Schülern",
Hirthammer Verlag, Frankfurter Ring 247, 80807 München
 
veröffentlicht am Mo. 01.05.2017