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 Nahtoderfahrungen
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Literaturempfehlungen
Grundlagen der Esoterischen Philosophie
 
Autor: Gottfried v. Purucker
ISBN: 978-3924849535

Nahtoderfahrungen

Autor: Eva-Maria Köpp
 

Im Vorwort zu seinem bemerkenswerten Buch „Endloses Bewusstsein. Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung“ schreibt der niederländische Kardiologe Pim van Lommel:

 

Eine Nahtoderfahrung ist einerseits eine existenzielle Krise, andererseits eine eindringliche Lektion des Lebens. Die Veränderungen, die eine Nahtoderfahrung bei vielen Menschen bewirkt, entstehen aus der bewussten Erfahrung einer Dimension, in der Zeit und Distanz nicht von Bedeutung sind, in der man in die Vergangenheit und Zukunft sehen kann, in der man sich eins mit sich fühlt, unendliches Wissen erlangt und bedingungslose Liebe erfährt. Diese Lebensveränderungen beruhen vor allem auf der Erkenntnis, dass Liebe und Achtsamkeit sich selbst, anderen und der Natur gegenüber zu den wichtigen Grundlagen des Lebens zählen.

 

Nach einer Nahtoderfahrung ist man sich bewusst, dass jeder und alles miteinander verbunden ist, dass jeder Gedanke Einfluss auf das eigene Ich und ebenso auf andere hat und dass unser Bewusstsein nach dem körperlichen Tod weiter existiert. Man erkennt, dass der Tod nicht das Ende ist.“[1]

 

Dass Menschen sich nach einem tief gehenden Nahtodeserlebnis tatsächlich verändern, hin zu einem größeren Mitgefühl und zu einem größeren Wissensdrang, ist  eine erstaunliche, aber viel bestätigte Tatsache. Und bereits Gespräche mit Menschen, welche ein Nahtodeserlebnis hatten, konnten die Interviewer in ihrem Herzen bewegen und auch bei ihnen eine stärkere spirituelle Ausprägung und ein Erkennen der eigenen Verantwortlichkeit bewirken.

 

Pim van Lommel war immer wieder beeindruckt von der Wahrhaftigkeit solcher Berichte und dem Suchen nach geeigneten Worten für ein eigentlich unbeschreibbares Erlebnis. Menschen mit Nahtoderfahrungen waren nach seiner Aussage seine größten Lehrmeister. Die zahlreichen Gespräche, die er mit ihnen führte, und seine ernsthafte Auseinandersetzung mit der möglichen Bedeutung von Nahtoderfahrungen haben seine Sicht auf den Sinn des Lebens und des Todes sehr verändert: „Jeder kann aus den Erkenntnissen, die eine Nahtoderfahrung vermittelt, eine Menge lernen. Man muss nicht selbst eine Nahtoderfahrung erleben, um neue Einsichten über das Leben und den Tod zu gewinnen.“[2]

 

Einer seiner Patienten hatte folgendes erlebt:

Im gleichen Augenblick durchdrang mich mit einem Schlag eine ungeheure Erkenntnis ein umfassendes Wissen und Verstehen. Alles Wissen. Universales Wissen. Ich verstand, wie das Weltall entstanden war, woraus das Universum bestand, ich verstand das Handeln der Menschen. Ihr positives Handeln, aber auch ihre Gründe, sich manchmal mutwillig Leid zuzufügen. Krieg und Naturkatastrophen, alles hatte seinen Sinn, seinen Grund. Es ist logisch. Ich begriff die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Ich sah die Evolution. Alles und jedes entfaltet und entwickelt sich gemeinsam. Ich sah und verstand – ohne zu urteilen – den Zusammenhang, die Kohärenz, die logische und manchmal weitreichende Konsequenz, die jede noch so kleine Handlung hat. Und zwar auf jeder Ebene und bis ins kleinste Detail … Die Funktionen aller möglichen mechanischen, elektrischen und elektronischen Geräte, Apparate und Motoren. Alles. Ich kannte und verstand die gesamte Mathematik, die Elektronik, die Physik, die DNA, die Atome, die Quantenmechanik und Quantenphysik. Ich erkannte auch, worauf alle Evolution hinausläuft, worin letzten Endes ihr Ziel liegt. Mir wurde bewusst, dass nicht nur ich Teil dieser großen Einheit bin, sondern alles und jeder, jeder Mensch, jedes beseelte Wesen, jedes Tier, jede Zelle, die Erde und jeder andere Planet, das Universum, der Kosmos, das Licht. Alles ist miteinander verbunden, alles ist untrennbar. 'Ich weiß es!', dachte ich froh. 'Ich verstehe es. Es ist alles so einfach. So logisch. So naheliegend … ' Nein, dieses Wissen selbst durfte ich nicht mit hinüberbringen. Warum weiß ich nicht … Vielleicht liegt der Sinn nicht darin, dass wir hier und jetzt als physische Wesen über derlei universelles Wissen verfügen? Weil wir hier sind, um zu lernen? Oder aus einem anderen Grund?“[3]

 

 

Es gibt derartige Erfahrungen auch bei gesunden Menschen, aus einem Einfühlungsvermögen heraus, zum Beispiel durch starke Emotionen, die jemand empfindet, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Dann kann man in die Erfahrung des sterbenden Menschen in einem bestimmten Maße mit einbezogen werden:

Anne und ich hatten eine Beziehung, und dann starb sie plötzlich an den Folgen eines schweren Verkehrsunfalls. Ihr Sohn, der gerade sieben Jahre alt geworden war, erlitt eine dramatische Kopfverletzung. Sein Gehirn quoll fast aus seinem Schädel, der aussah wie eine kaputte Wassermelone. Er brauchte fünf Tage für seinen Übergang. Er war das älteste von neun Enkelkindern in seiner Familie. Ungefähr sechzig Angehörige hatten sich um sein Krankenhausbett versammelt, und ich war nur der Freund seiner Mutter, der irgendwo hinten am Fenster stand. In dem Moment, als er starb, als sein EEG zu einer geraden Linie wurde, 'sah' ich seine Mutter, die kam, um ihn abzuholen. Dabei muss man sich ganz klar vor Augen halten, dass sie schon fünf Tage zuvor gestorben war. Und dann kam es zu dieser unglaublich schönen Wiederbegegnung. Irgendwann reichte sie mir die Hand und bezog mich in ihre Umarmung mit ein. Es war unbeschreiblich und ekstatisch. Und ein Teil von mir verließ meinen Körper und begleitete sie zum Licht. Ich weiß, dass das sehr seltsam klingt. Aber in diesem Moment, in dem ich Anne und ihren Sohn auf ihrem Weg zum Licht begleitete, war ich vollkommen bei Bewusstsein und zugleich war ich auch ganz bewusst in dem Raum, in dem die ganze Familie entsetzlich traurig darüber war, dass ihr kleiner Neffe und Enkelsohn gerade gestorben war. Ich begleitete die beiden. Gemeinsam gingen wir auf das Licht zu, doch irgendwann wusste ich, dass ich zurückkehren musste. Ich fiel einfach in meinen Körper zurück. Es war eine derart überwältigende Erfahrung, ich glühte förmlich vor Glück und bemerkte plötzlich, dass ich mit einem strahlenden Lächeln in diesem Raum zwischen all diesem Menschen stand, die gerade ein geliebtes Kind verloren hatten. Um zwischen all den trauernden und weinenden Menschen nicht pietätlos zu wirken, bedeckte ich hastig mein Gesicht mit den Händen. Ich habe über diese Erfahrung geschwiegen. Damals schien es mir völlig unangebracht, darüber zu reden, und es war mir auch nicht möglich, weil mir für das, was passiert war, die Worte fehlten. Bis zu diesem Augenblick dachte ich immer, ich wüsste, wie es in der Welt zugeht. Aber mein Weltbild hat sich mit einem Mal radikal gewandelt.“[4]

 

 

Hilfe im Umgang mit dem Tod können auch Berichte über das Sterben von Angehörigen bieten.

 

Bernhard Jacoby berichtet vom Brief einer Frau, die ihre demente Mutter zu Hause mit der Hilfe eines Pflegedienstes betreut hatte, bis diese mit 88 Jahren starb. Als die Mutter bettlägerig wurde, stellte sie fest,   

dass sie des Öfteren mit großen Augen im Bett lag, nach oben blickte und dort etwas sah, was ich nicht sehen konnte. Manches Mal versuchte sie auch, es mir zu zeigen. Da durch die Demenz zunehmend auch der konkrete logische Satzbau verloren geht, habe ich nur so viel verstanden, dass es sich um schöne helle Farben und Licht und auch um Menschen, die vor langer Zeit gestorben waren, ihre Mutter, Vater und Schwester, handeln musste ...

... Wir beteten mit ihr …  ich habe meiner Mutter gesagt, dass sie noch diesen kleinen Schritt ins Licht gehen soll, dass dort die Menschen auf sie warten, die sie geliebt hat; dass sie dort glücklich und ohne Schmerzen sein wird, dass sie ihre Aufgabe auf Erden gut gemacht hat und dass ich ihr für ihre Liebe und alle guten menschlichen Eigenschaften, die sie mich gelehrt hat, danke. Sie bekam daraufhin wunderbar blaue Augen, wie ein Kind, das gerade geboren ist ...

Noch einige Zeit nach dem Tod lag im Zimmer ein eigenartiger Glanz.“[5]

 

Bernhard Jacoby schreibt auch, dass sehr viele Seelen nach ihrem Tod die Angehörigen um Vergebung bitten. Sie können sich nicht weiter entwickeln und bleiben so lange erdgebunden, bis ihnen verziehen wird. „Was immer ein Verstorbener Ihnen auch angetan haben mag, vergeben Sie ihm! Das ist auch für Ihren eigenen Seelenfrieden außerordentlich wichtig!“[6]

 

Die Rituale der verschiedenen Religionen sind hier sehr hilfreich. Aber auch nichtchristlichen Menschen schlägt Jacoby in etwa folgenden Text als ein formloses Gebet vor:

 

„…, du bist gestorben.
          Orientiere dich am Licht.
          Ich vergebe dir alle deine Fehler
          und lasse dich los.
          Hilfreiche Wesen mögen sich deiner annehmen

  und dich ins Licht geleiten.“[7]

 

In der Literatur werden wir bei aufmerksamem Lesen auf tiefes Wissen stoßen, wie etwa in der „Weihnachtsgeschichte“ von Charles Dickens. 

Victor Hugo beschreibt in seinem Buch „Die Elenden“ eine lichterfüllte Sterbeszene. Nach einem sehr schweren Leben stirbt die Hauptperson Jean Valjean mit den Worten: „Liebet euch immer. Es gibt sonst nicht viel auf der Welt, als einander zu lieben … Ich sehe ein Licht  … Ich sterbe glücklich.“

 

 

In Erhard Bäzners Buch „Wo sind unsere Toten? Sehen wir sie wieder?“[8] finden wir sehr tröstlich die von ihm hellsichtig beobachteten Zustände nach dem physischen Tod.

 

Beobachtungen direkt beim Tod eines uns verbundenen Menschen oder kurz danach kommen auch bei nicht hellsichtigen Menschen gelegentlich vor. Hier die Beobachtung eines Arztes beim Tod seiner Tante:

Zuerst wurde ich aufmerksam auf etwas unmittelbar über dem physischen Körper, das etwa 60 cm hoch über dem Krankenbett schwebte … Dann bildeten sich zu meinem Erstaunen feste Umrisse, und die nebelartige Substanz nahm langsam menschliche Gestalt an. Bald ähnelte der Körper dem physischen Körper meiner Tante; der Astralkörper schwebte horizontal über seinem physischen Gegenstück … Deutlich könnte ich ihre Gesichtszüge erkennen. Sie ähnelten weitgehend dem körperlichen Gesicht, aber mit dem Unterschied, dass jetzt ein Ausdruck von Frieden und lebendiger Kraft erstrahlte, wo vorher nur Alter und Schmerz waren. Die Augen waren geschlossen, wie in tiefem Schlaf, und vom Geistkörper schien ein intensives Leuchten auszugehen. Beim Betrachten des Geistkörpers fiel mein Blick auf eine silbrige Substanz, die vom Kopf des physischen Körpers zum Kopf des Geistkörpers strömte. Dann erkannte ich die Verbindungsschnur zwischen beiden Körpern. Dabei ging mir der Gedanke 'Die Silberschnur' nicht aus dem Kopf. Jetzt wusste ich zum ersten Mal, was damit gemeint war … Die Schnur schien voller Leben zu sein, voll vibrierender Energie. Ich konnte das Fließen des pulsierenden Lichtstroms in der Schnur vom physischen Körper zum Geistkörper verfolgen. Mit jedem 'Pulsschlag' nahm der unstoffliche Körper an Leben und Dichte zu, während der physische Körper ruhiger und immer lebloser wirkte. Inzwischen war die Gestalt des Geistkörpers ganz deutlich geworden. Alles Leben war in den Astralkörper übergegangen; das Pulsieren der Schnur hatte aufgehört. Ich beobachtete die fächerartig verteilten Verbindungselemente der Schnur an der Schädelbasis. Jedes einzelne Element riss; die endgültige Trennung stand unmittelbar bevor. Es vollzog sich ein Zwillingsvorgang von Tod und Wiedergeburt. Das letzte Verbindungselement der Silberschnur löste sich, und der Geistkörper war frei.“

Dann kam der dramatische Augenblick, als der leuchtende Körper sich aus seiner Ruhestellung erhob. „Die geschlossenen Augen öffneten sich und ein Lächeln breitete sich über die strahlenden Züge. Sie lächelten mir ein Lebewohl zu, dann verschwand diese Frau aus meiner Sicht.“[9]

 

 

Isaac Bashevis Singer beschreibt in seinem Roman „Shosha“ die mystische Erfahrung eines allumfassenden Einsseins, die vor Jahren sein ganzes Sein durchdrang: „Ich war in die Ewigkeit eingegangen. Manchmal glaube ich, es war wie der Übergang vom Leben in den Zustand, den wir Tod nennen. Vielleicht erfahren wir diesen Zustand im letzten Moment oder gleich danach. Ich sage das, weil die Toten, die ich im Leben gesehen habe, wie viele es auch waren, alle denselben Gesichtsausdruck hatten: 'Aha, so ist das also! Hätte ich das gewusst! Welch ein Jammer, dass ich es den anderen nicht erzählen kann.'“[10]


(Dieser Artikel wurde, geringfügig gekürzt, aus der Zeitschrift "Theosophie heute" 3/2016 entnommen.)



[1]     Pim van Lommel, Endloses Bewusstsein, Patmos Verlag, Düsseldorf 2009, S. 24, Hervorhebungen durch die Autorin

[2]     Ders. S. 24

[3]     Ders. S. 62, Hervorhebungen durch die Autorin

[4]     Ders. S. 69

[5]     Bernhard Jacoby, Alles wird gefügt, LangenMüller, 2005, S 30

[6]     Ders. S. 194

[7]     Ders. S. 196

[8]     Neu herausgegeben unter dem Titel: Erhard Bäzner „Das Rätsel des Lebens und das Geheimnis des Todes“, Aquamarin Verlag, München, 2005

[9]     Sylvia Cranston, HPB, Adyar 1993, S. 630f.

[10]   Zitiert in Cranston, HPB, S. 631

veröffentlicht am So. 13.05.2018