Theosophischen Gesellschaft in Deutschland e.V.

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Literaturempfehlungen
Leben und Werk der Helena Blavatsky, Begründerin der modernen Theosophie
 
Autor: Sylvia Cranston
ISBN: 978-3894271916

Esoterisches Christentum - Die fünf großen Initiationen

Annie Besant „Esoterisches Christentum. Die Wahrheiten des Christentums aus esoterischer Sicht“
 

Es gibt fünf große Initiationen im Leben eines Christus, von denen jede eine Stufe in der Entfaltung des Lebens der Liebe anzeigt. Man erreicht sie jetzt gerade so wie in alter Zeit, und die letzte bedeutet den schließlichen Triumph des Menschen, der sich zur Gottheit entwickelt hat, der über die Menschheit hinausgeschritten und ein Weltheiland geworden ist.

Wir wollen diese Lebensgeschichte verfolgen, die immer wieder in der geistigen Erfahrung sich abspielt, und sehen, wie der Initiierte das Christusleben durchlebt.

Bei der ersten großen Initiation wird in dem Jünger der Christus geboren; dann empfindet er zum ersten Mal 
i n  s i c h  als Wirklichkeit das Ausgießen der göttlichen Liebe und erfährt die wunderbare Veränderung, welche ihn fühlen lässt, dass er selbst eins ist mit allem, was Leben hat. Dies ist „die zweite Geburt“, und bei dieser Geburt jauchzen die Himmlischen, denn dann ist er in das Himmelreich geboren worden, als einer der „Kleinen“, als „ein kleines Kind“ – Namen, die von jeher den neu Initiierten gegeben wurden. Darauf hin deuten die Worte Jesu, dass ein Mensch wie ein Kind werden muss, um in das Himmelreich einzugehen. (Matth. 18, 3)
Bei einigen der ersten christlichen Schriftsteller wird bezeichnend gesagt, dass Jesus „in einer Höhle“ geboren wurde – dem Stall der Evangelienerzählung; die „Höhle der Initiation“ ist ein wohlbekannter alter Ausdruck; der Initiierte wird stets in dieser geboren; über der Höhle, „in welcher das junge Kind“ ist, brennt der „Stern der Initiation“, der Stern, der immer im Osten aufleuchtet, wenn ein Christuskind geboren wird. Ein solches Kind ist von Gefahren bedroht, von eigentümlichen Gefahren, die anderen Kindern nicht drohen; denn es ist gesalbt mit dem Salböl der zweiten Geburt, und die dunklen Mächte der unsichtbaren Welt versuchen stets, seinen Untergang herbeizuführen. Allen Gefahren zum Trotz jedoch wächst es zu Manne auf, denn der einmal geborene Christus kann nie untergehen; der Christus, welcher einmal angefangen hat, sich zu entwickeln, kann niemals in seiner Entwicklung zurückgehen; sein herrliches Leben wächst und gedeiht, nimmt stets zu an Weisheit und ebenso an geistiger Gestaltung, bis die Zeit kommt für die zweite große Initiation, die Taufe Christi durch Wasser und Geist, die ihm die für den Lehrer notwendigen Kräfte gibt, für den Lehrer, der ausgehen soll und in der Welt als der „liebe Sohn“ sein Werk vollbringen.

Dann steigt auf ihn in reicher Fülle der göttliche Geist herab, und die Glorie des unsichtbaren Vaters ergießt sich über ihn in ihrem reinen Glanz; doch wird er von diesem Erlebnis der Einsegnung durch den Geist hinausgeführt in die Wildnis und wieder einmal der Probe heftiger Versuchungen unterworfen. Denn jetzt entfalten sich in ihm die Kräfte des Geistes, und die dunklen Mächte bemühen sich, ihn gerade durch diese Kräfte von seinem Pfad zu locken; sie empfehlen ihm, sie zu seinem eigenen Nutzen zu gebrauchen, statt sich in geduldigem Vertrauen auf seinen Vater zu verlassen. In schnellen, plötzlichen Übergängen, welche seine Kraft und seinen Glauben prüfen, folgt das Geflüster des verkörperten Versuchers auf die Stimme des Vaters, und der brennende Sand der Wüste versengt die Füße, welche eben noch in die kühlen Fluten des heiligen Flusses getaucht waren. Als Sieger über diese Versuchungen geht er in die Welt der Menschen, um zu ihrem Nutzen die Kräfte zu verwenden, die er nicht für seinen eigenen Vorteil gebrauchen wollte, und er, der nicht einen Stein in Brot verwandeln wollte, um seinen eigenen Hunger zu stillen, speist „fünftausend Mann, ausgenommen Weiber und Kinder“, mit ein paar Broten.

Sein Leben fortgesetzten Dienstes wird durch eine andere glorreiche Erfahrung unterbrochen, wenn er „beiseit auf einen hohen Berg“ steigt – den heiligen Berg der Initiation. Dort wird er verklärt und trifft einige von seinen großen Vorgängern, die Mächtigen vergangener Zeiten, die ihm auf dem Weg vorausgingen. So geht er durch die dritte Initiation hindurch, und dann fällt auf ihn der Schatten seines herannahenden Leidens; er wendet sein Antlitz entschlossen Jerusalem zu – die versuchenden Worte eines seiner Jünger zurückweisend -, auf Jerusalem, wo die Taufe durch den Heiligen Geist und das Feuer seiner wartet. Nach der Geburt der Angriff des Herodes; nach der Taufe die Versuchung in der Wüste; nach der Verklärung das sich Aufmachen zu der letzten Stufe des Kreuzesweges. So folgt stets dem Triumph eine Prüfung, bis das Ziel erreicht ist.

Immer mehr nimmt das Leben der Liebe zu, stets voller und vollkommener sich entfaltend; der Menschensohn zeigt sich immer mehr als Gottessohn, bis die Zeit zum endgültigen Kampf sich naht und die vierte große Initiation ihn im Triumph nach Jerusalem führt, angesichts Gethsemanes und Golgathas. Er ist jetzt der Christus, der bereit ist, sich hinzugeben, bereit zum Opfer am Kreuze. Jetzt hat er den bitteren Todeskampf im Garten auf sich zu nehmen, wo sogar seine Auserwählten schlafen, während er mit seiner Todesangst ringt und einen Augenblick fleht, dass der Kelch an seinen Lippen vorübergehen möge, doch der starke Wille triumphiert, und er streckt seine Hand aus, um „zu nehmen und zu trinken“. In seiner Verlassenheit kommt ein Engel und tröstet ihn, wie es die Engel treibt zu tun, wenn sie sehen, dass ein Menschensohn unter dem Druck seines Kampfes zusammenbricht. Wenn er nun weiter schreitet, hat er den bitteren Kelch zu trinken, dass er verraten, verlassen und verleugnet wird. Allein, von höhnenden Feinden umgeben, geht er seiner letzten furchtbaren Prüfung entgegen. Von körperlichen Schmerzen gepeinigt, von den grausamen Dornen des Verdachtes zerfleischt, von seinem Gewand der Reinheit vor den Augen der Welt entblößt, in den Händen seiner Feinde, scheinbar von Gott und den Menschen verlassen, erträgt er geduldig alles, was über ihn kommt, in der äußersten Not sehnsüchtig nach Hilfe sich umschauend. Doch, noch dem Leiden überlassen, gekreuzigt, um dem Leben der äußeren Form abzusterben, um alles Leben, das der niederen Welt angehört, hinzugeben, umgeben von triumphierenden Feinden, die ihn verspotten, wird er von dem letzten Schrecken großer Finsternis umhüllt, und in dieser Finsternis treten ihm alle bösen Mächte entgegen; sein inneres Schauen verlischt, er findet sich allein, ganz und gar allein, bis das starke Herz, in Verzweiflung versinkend, zu dem Vater aufschreit, der ihn aufgegeben zu haben scheint; und die menschliche Seele steht dann, in der äußersten Verlassenheit der niederschmetternden Pein, der anscheinenden Niederlage gegenüber. Doch, mit der Anspannung aller Kräfte des „unbesiegbaren Geistes“, wird das niedere Leben aufgegeben, sein Tod wird willkommen geheißen; der Körper der Begierden wird verlassen, und der Initiierte „steigt zur Hölle hinab“, damit keine Gegend der Welt, der er helfen will, von ihm unbetreten bleibe, dass keiner zu verworfen sei, um von seiner allumfassenden Liebe erreicht zu werden. Und dann, aus der Dunkelheit wieder emporsteigend, erblickt er von neuem das Licht, fühlt er sich wieder als der Sohn, unzertrennlich vom Vater, dem er angehört; steigt er hinauf in das Leben, welches kein Ende kennt, erstrahlend in dem Bewusstsein, dem Tod entgegengetreten zu sein und ihn überwunden zu haben; mit einer solchen Kraft ausgestattet, dass er bis zum äußersten jedem Menschenkind helfen kann, dass er fähig ist, jeder kämpfenden Seele sein Leben einzuflößen. Eine Weile bleibt er dann unter seinen Jüngern, um zu lehren, um ihnen die Mysterien der geistigen Welt zu enthüllen, um auch sie vorzubereiten, den Pfad zu betreten, den er gegangen ist, bis er, nach Beendigung des Erdenlebens, zum Vater aufsteigt und in der fünften großen Initiation der triumphierende Meister wird, das Band zwischen Gott und den Menschen.

Diese Geschichte wurde, in alter Zeit wie jetzt, in den wahren Mysterien durchlebt, und wurde halb verschleiert, halb enthüllt in den Symbolen der Mysterien auf dem physischen Plan dramatisch dargestellt. Dies ist der Christus der Mysterien in Seinem doppelten Wesen, als Logos und Mensch, kosmisch und individuell. Nimmt es wunder, dass diese Geschichte, wenn der Mystiker sie dunkel ahnte, ja, selbst wenn sie ihm unbekannt war, sich mit dem Herzen verwoben und jedem edlen Leben als eine Inspirationsquelle gedient hat? Der Christus des menschlichen Herzens ist meistens Jesus, als der mystische menschliche Christus betrachtet; der kämpfende, leidende, sterbende und schließlich triumphierende Mensch, in dem die Menschheit sich selbst gekreuzigt und auferstanden sieht, dessen Sieg jedem die Gewissheit des Sieges verspricht, der, wie Er, bis in den Tod und darüber hinaus Treue bewahrt – der Christus, der nie vergessen werden kann, während Er immer von neuem in der Menschheit geboren wird, so lange die Welt Heilande braucht, und Heilande sich für die Menschen opfern.

Aus: Annie Besant, Esoterisches Christentum. Die Wahrheiten des Christentums aus esoterischer Sicht, Hirthammer Verlag, München 1997, Unveränderter Nachdruck der 1911 in Leipzig erschienenen Auflage, S. 125 - 130



veröffentlicht am Do. 29.11.2018