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Literaturempfehlungen
Der Schlüssel zur Theosophie
 
Autor: Helena P. Blavatsky
ISBN: 978-3894271992

Das Licht der Erleuchtung (Auszug: Teil 3)

Autor: George William Russel

Das vielfarbene Land

Ich bin schon immer ebenso neugierig gewesen, was die Psychologie meiner eigenen Visionen betrifft, wie mitteilungsbedürftig, was diese selbst angeht, und ich möchte in diesem Buch von den Bemühungen eines Künstlers und Dichters berichten, der herausfinden will, wieviel Wahrheit seinen eigenen Vorstellungen zugrunde liegt. Ich habe länger über das Wesen der Vorstellungskraft nachgegrübelt als über der Leinwand verweilt, worauf ich versuchte, meine Vision wieder zusammenzubringen. Geistige Stimmungen sind schwer auszudrücken, und darüber kann man auch nicht diskutieren, aber über den Mechanismus der Vorstellungskraft lässt sich sehr wohl reden, und er bedarf präziser und sorgfältiger Untersuchungen. Was ich von den Psychologen gelesen habe, die dies abhandeln, erregt den Verdacht, dass sie selbst dieser Fähigkeit bar waren und davon sprachen wie Blinde, die gern zeichneten, allerdings ohne zu sehen, was. Es überwältigt und beim Lesen des Entfesselten Prometheus – jedoch wer schon schiebt dabei die Verzauberung beiseite, um sich darüber Gedanken zu machen, in was für einem Zustand sich Shelleys[1] Seele befand, in jenem beflügelten Schaffensrausch. Künstler und Dichter verspüren kaum je Neugierde ihren eigenen Denkprozessen gegenüber. Dennoch darf man mit einer gewissen Berechtigung annehmen, dass höchste Vision und Ekstase von Gesetzmäßigkeiten abhängen und allen Menschen offenstehen, und dies dürfte sogar von größerer Wichtigkeit sein als die eigentliche Botschaft der Seher. Der beharrlichen Meditation und inbrünstigen Konzentration schreibe ich die zunehmende Helligkeit in meinem Gehirn zu, als hätte ich im Körper eine Quelle inneren Lichtes entsiegelt. Normalerweise sehen wir beim Schließen der Augen wolkiges Dunkel, wodurch sich gelegentlich unbestimmte Formen zur Deutlichkeit durchringen. In mir wurde jedoch der leuchtende Zustand nach und nach der normale, und beim Meditieren brach zuweilen ein fast unerträglicher Lichterglanz in mich ein, klare, strahlende Gesichter, blendende Prozessionen von Gestalten, uralte Orte und Völker und Landschaften, so lieblich wie das verlorene Eden. All das schien anfangs mit mir nicht mehr zu tun zu haben als Bilder auf der Straße draußen, die man in einem Spiegel sieht; aber zuweilen griff die Meditation auf Gebiete über, die Wirkliches ausstrahlten. Einst, einem inneren Impuls folgend, meditierte ich zur ungewohnten Stunde, worauf das Bewusstsein für den Körper im Nu verschwand. Das Blut und die Hitze des Gehirns ebbten von mir ab, wie die Insel im Nebel versinkt hinter einem schnellen, ins Licht schießenden Schiff. Die Bahnen in mir lagen offen. Ich erhob mich durch mich selbst, und plötzlich war mir, als wäre ich von einem Traum erwacht. Wo befand ich mich? In welcher Stadt? Hügel gab es hier, gekrönt von glitzernden Tempeln, und die Straßen waren, so weit ich sehen konnte, dicht gedrängt mit ausgesucht schönen Menschen, die sich hin- und herbewegten, wie von einer Verzückung ergriffen, die alle durchfuhr, als hauchte der dunkle verborgene Vater seine Kindern Lebensbegeisterung ein. Sah ich für sie gleich aus wie sie? War ich für sie als Neuankömmling in ihrem Land des lieblichen Lichtes erkennbar? Ich konnte es nicht ausmachen, aber diejenigen, die nahe bei mir standen, strömten mir mit ausgestreckten Händen entgegen. Ich wurde gewahr, wie sich Augen, in denen eine wunderbare Flamme der Liebe schien, in die meinen versenkten. Aber ich konnte nicht länger bleiben, denn etwas unter mir zog mich nach unten, und wieder war ich vom Licht verbannt.

Meditation gab meinem Sein eine stärkere Orientierung, wie nach einer verborgenen Sonne, und meine Gedanken kreisten immer mehr um das spirituelle Leben der Erde. Alle Magnetnadeln des Daseins wiesen darauf hin. Instinktiv spürte ich, dass alles, was ich im Geist sah, zum Leben der Erde gehörte, welche ein fürstlicher Haushalt ist mit vielen sternhellen Palästen. Darüber herrschte der Planetargeist als König, und dieser Geist, der sich durch die Substanz der Erde, der hoheitsvollen Mutter, offenbart, war, so fühlte ich, das Wesen, nach dem ich tastend suchte als nach einem Gott. Meine Liebe zur Natur, als dem Gewand dieser Gottheit, vertiefte sich. Was mir angehörte, kam zu mir, wie es zu allen Menschen kommt. Was mich für sich beanspruchte, zog mich zu sich. Ich genoss Tag und Nächte voller Freiheit. Wie oft zog ich im Sonnenschein eines Sabbatmorgens los, das Gesicht hügelwärts, und fühlte mich ein bisschen unsicher, wie ein Liebhaber, der sich seiner angebeteten Schönheit nähert, die ihm manchmal alles gewährt, ein andermal schweigend nur gerade seine Anwesenheit duldet. Ich wusste nicht, was mir geschehen würde, erwartete aber unentwegt etwas und schritt die Berge hoch wie zu Gottes Thron. Schritt für Schritt fielen von mir Leidenschaften und Ängste der Woche ab, bis ich, nachdem ich den Hügel erreicht und mit geschlossenen Augen am grasigen Hang ausgestreckt lag, alles abgelegt hatte, bis auf das Verlangen nach dem Ewigen. Wiederum war ich das Kind ganz nah bei der Mutter. Sie belohnte mich, indem sie den Schleier, der ihr wahres Gesicht verhüllt, etwas lüftete. Für jene fortgeschrittenen Seelen, die ihre Verwandtschaft erkennen, wird der Schleier gehoben, ihr Angesicht enthüllt, und es gleicht demjenigen einer Hochzeiterin.  Unbedeutend wie mein Alltagsleben auch war, mit den Ängsten und der Schüchternheit, die eine abnormale Empfindlichkeit erzeugt, in jenen Augenblicken der Vision verstand ich instinktiv, dass sich jene, die unter den Höchsten wandeln wollen, einen hohen Mut bewahren müssen. Und wer könnte, mit dem vor ihm schimmernden göttlichen Antlitz, auch etwas anderes tun als anzubeten!

Es gibt einen Instinkt, der unsere Lippen zum Verstummen bringt, wenn sie von Mysterien sprechen möchten, deren Tag der Offenbarung noch nicht gekommen ist. Vom wenigen, was ich darüber weiß, werde ich nichts sagen. Hingegen ist es immer rechtens, das Gespräch auf jene höhere Weisheit zu lenken, die unsere geistige Existenz mit der vielfältigen Einheit verbindet, die Gott, Natur und Mensch umfasst. Die einzige Rechtfertigung für mich, das Wort zu ergreifen, statt anderer, deren Wissen fundierter ist, besteht darin, dass das Aufeinanderabstimmen von Worten und Gedanken eine Kunst ist, die ich öfter ausgeübt habe. Was ich sage, vermittelt vielleicht noch mehr die Wahrheit, wie der geschickte Künstler, der eine zum ersten Mal gesehen Landschaft malt, möglicherweise noch mehr auf Schönheit und Zauber hinzuweisen vermag als der ständig dort Lebende, in der Kunst Ungeschulte, dem jedoch das Tal, das er liebt, so vertraut ist, dass er es mit verbundenen Augen von einem Ende zum anderen durchschreiten könnte.

Ich möchte kein Buch von Wunderdingen schreiben, sondern eher das Denken auf jene Wesenheit zurückrichten, welche die alten Seher als Gottheit verehrten. Ich glaube, dass das meiste, was von Gott gesagt wurde, sich in Wirklichkeit auf jenen Geist bezieht, dessen Körper die Erde ist. Irgendwie muss ich das Wesen der Visionen zum Ausdruck bringen, die mich mit Plato zum Glauben brachten, dass die Erde ganz und gar nicht das ist, was die Geographen annehmen, und dass wir wie die Frösche auf dem Grund eines Sumpfes leben und nichts von der vielfarbenen Erde wissen, die derjenigen, die wir kennen, überlegen ist, jedoch mit ihr zusammenhängt wie die Seele mit dem Körper. Auf dieser vielfarbenen Erde lebt ein göttliches Volk, berichtet er, dort stehen Tempel, worin die Götter wahrhaftig wohnen, und ich möchte gerne mitteilen, soweit dies Worte vermögen, wie mir manches von dieser Herrlichkeit aus alter Zeit im Wald, am Hügelhang oder am Strand des westlichen Meeres in Erscheinung trat.

Manchmal lag ich, die körperlichen wie im Schlaf geschlossen, am Hang und konnte Täler und Hügel sehen, glitzernd wie ein Juwel, wo alles aus sich heraus schimmerte, die Farben leuchtender und reiner waren, jedoch in sanfteren Harmonien ineinanderspielten als die Farben der Welt, die ich kenne. Die Winde perlten beim Hin- und Herwehen, jedoch trat auch, was weit weg war, durch diese leuchtende Luft deutlich hervor. Das Weitentfernte war so gestochen scharf wie das Naheliegende, und der Wille, mehr zu sehen, ließ mich zu dem hineilen, was ich mir wünschte. Dort, in diesem Land, sah ich auch Springbrunnen wie aus leuchtendem Nebel, die Strahlen aus einer verborgenen Kraftquelle hochschickten, und strahlende Leute, die in diese Brunnen eingingen, sie einatmeten und sich von dieser magischen Luft beleben ließen. Diese waren, glaube ich, jene, die in der Antike die Geschichten von Nymphen und Dryaden entstehen ließen. Ihre Vollkommenheit war die Vollkommenheit einer Blume, eine Schönheit, die anscheinend niemals durch eine Tat des individualisierten Willens getrübt worden war, welche bei uns die Wahl zwischen Gut und Böse ermöglicht und die Gussform der natürlichen Schönheit beeinträchtigt. Schöner als wir, schienen sie jedoch weniger menschlich, und ich nehme an, dass mir in einem Augenblick mehr Gedanken durch den Kopf gingen als ihnen in vielen Tagen. Manchmal fragte ich mich, ob ihr Wesen irgendwie konzertiert worden sei. Schaute eines hoch, taten es alle. Beugte sich eins, um die zauberischen Lüfte von den Brunnen einzuatmen, neigten sich viele im selben Rhythmus. Mich wunderte, ob ihre Gedanken alle einem anderen Wesen gehörten, einem das in ihnen wohnte, als Wächter oder Gruppenseele ihrer Gattung? […]



[1] Percy Bysshe Shelley (1792 – 1822): englischer Dichter der romantischen Epoche mit stark prophetischer Tendenz und wunderbar lyrischen Ausdruck.

 
veröffentlicht am Mo. 10.02.2020