Theosophie in gefahrvoll verworrenen Zeiten
 
Gefahrvoll und verworren ist die Zeit, in der wir leben – die Menschen merken es und suchen nach Sinn – nach Orientierung – nach Wahrheit, die all das Elend und Leid, welches mit dem Leben in dieser Welt anscheinend notwendig verbunden ist, doch letztlich als Weg zu einem lohnenden Ziel sinnvoll erscheinen lässt.
     Viele Vorschläge hierzu werden gemacht – Philosophen bemühen sich – Gottgläubige schließen sich zur Religionen zusammen – andere suchen ihren Halt im Hedonismus - nach Meinung der „Gläubigen“ zum Scheitern verdammt – aber stimmt das denn? Ist nicht das Ausleben der Triebe in gesteigerter Form gar wenigstens etwas – wenn es auch endet? Wer hat besser gelebt – Napoleon oder die heilige Johanna? Hingabe lohnt – sagt man – aber wenn sie das Leben kostet? Wohin gehe ich, wenn Fragen dieser Art mich umtreiben? Zum Gemeindepfarrer? Zu einem Philosophieprofessor? Zu einem Weisen oder gar Heiligen? Wo finde ich solche? Wie gelange ich dorthin? Sind Opfer angesagt und ggf. welche? Veränderungen der eigenen Lebensumstände? Was ist machbar und wo kommt man nicht heraus? Hilft der Glaube – man kann sich doch täuschen und wie oft geschieht dies auch! Also doch zum Geistlichen, dem Profi auf dem Wege zum Heil? Warum dann aber nicht gleich zu Buddha hin orientieren? Buddhisten jedenfalls haben noch nicht soviel Schreckliches angestellt wie der christliche Klerus. Oder suche ich mir zur Befriedigung überquellenden Gesprächsbedarfs einen verständnisvollen Freund in ähnlicher Lage. Oder miete ich mir einen – suche einen Therapeuten auf? Aber bin ich denn therapierbedürftig, obwohl ich vielleicht zu den wenigen gehören, der nicht irre ist und drohende Gefahren richtig realisiert? Vor allen Dingen aber: Lohnt sich der Aufwand wenn mit dem Tode doch alles aus ist?
     Ich habe das Glück gehabt, dass mir nach langer Zeit des Fragens dieser Art ein theosophischer Klassiker in die Hände fiel, ein kleines Büchlein mit grünem Einband und dem Titel „Der Pfad der Heilung“ von H. K. Challoner. Und heute – 30 Jahre danach, drängt es mich, anderen davon zu erzählen, was ich da gefunden habe. Was es mit mir gemacht hat – zunächst und dann à la longue.
Denn eine Geisteshaltung und Lehre, die als vornehmste Aufgabe es übernimmt, den innersten Gehalt aller Weltreligionen zu erforschen und Suchende an dessen Identität teilhaben zu lassen, muss aus eigener Erfahrung wissen, dass über allem auf dem Wege eines steht: die selbstverantwortete Erfahrung.
     Mit Esoterik habe ich mich befasst, um zu erkennen, wie man mit beiden Beinen fest in den Wolken stehen kann. Vor allem hat mich beeindruckt, dass theosophische Lehre- und Praxis eines nicht versucht hat, was sich aus vergangenen Tagen als leidvoll und fruchtlos für mich jedenfalls erkannt hatte, mich im Hinblick auf bestimmte Inhalte zu indoktrinieren. Mein Verständnis für alle Religionen, allen voran für meine eigene – das Christentum ist gewachsen und all überall wird die Philosophie mit einbezogen – ein ganz anderes Verständnis für Literatur, Kunst und Kultus wird erweckt und aus einer gefahrvoll verworrenen wird eine spannende Zeit. Kann man mehr verlangen?
 
Dr. B. Prediger ist Referent auf der Sommertagung 2011 der Theosophischen Gesellschaft in Deutschlandvom 4. bis 10. August in Calw (Schwarzwald).
 
 


Autor: Dr. Bernhard Prediger