DER WEG DER BEWUSSTSEINSENTFALTUNG

Wir haben in den vorhergehenden Kapiteln gesehen, dass die Religion der Führer der Menschheit in der Vergangenheit war und dass die Wissenschaft im Begriff ist, die Religion abzulösen, und heute ein Führer der Menschheit in die Zukunft ist - allerdings nur bis zu einer bestimmten Grenze. Wir haben auch gesehen, dass die Kunst eine Brücke besonderer Art zum unmittelbaren Erfassen der Wirklichkeit ist bzw. sein kann. Religion, Wissenschaft und Kunst sind jedoch alle nur Diener und Helfer.
 
Die eigentliche Arbeit muss jeder Mensch durch Studium, meditative Versenkung und Verwirklichung des Erkannten in der Tat
S E L B S T
leisten.
 
Die Arbeit, die der Mensch an sich zu leisten hat, besteht darin, sein irdisches Bewusstsein so zu öffnen, dass die höheren Schichten sich durch dasselbe ausdrücken können. Das Ziel ist der integrierte Mensch, in dem Geist, Seele und Körper harmonisch verbunden sind. Zwar ist ein voller Ausdruck des (universell existierenden) Geistes im Irdischen (dem Dasein des Menschen) nicht möglich - das geistige Sein des Menschen gleicht einem Brunnen, und was der Mensch aus ihm herausschöpfen und an das Tageslicht des irdischen Bewusstseins bringen kann, ist immer nur ein Teil des Wassers, das in der Tiefe des Brunnens ruht - aber wenn eine solche Harmonie erreicht ist, vermag sich der Mensch bewusst in die höheren Schichten seines Wesens zu erheben und aus ihnen zu leben.
Was bedeutet dies?
a) Die Überwindung des Raumes
Der Mensch ist in seinem irdischen Körper ein von seiner Umgebung verhältnismäßig streng abgeschlossenes Wesen. Das Innere des Körpers ist durch die Haut gegenüber der Außenwelt abgegrenzt. Seine Verbindung mit der Außenwelt beschränkt sich auf die Atmung, die Aufnahme und Ausscheidung von Nahrung und auf die Aufnahme von Strahlungen (Licht, Elektrizität usw.). Mit anderen Körpern kommt der Körper im Allgemeinen nur in einen Berührungskontakt. Selbst die engste physische Verbindung zweier Körper (vom Kind im Mutterleib abgesehen), die geschlechtliche Vereinigung, ist zeitlich, räumlich und qualitativ begrenzt.
Die Abgrenzung des vital-magnetischen Feldes von der Umwelt ist schon schwächer. Als Kraftfeld ist es nicht so fest umgrenzt, eine teilweise wechselseitige Durchdringung mit den vital-magnetischen Feldern anderer Wesen ist ebenso möglich wie das bewusste Einstrahlen magnetischer Kräfte in anderer Lebewesen oder Objekte.
Im psychischen Bereich gelangen wir um einen Schritt weiter. Hier ist nicht nur eine weitgehende wechselseitige Durchdringung zweier psychischer Auren möglich, für die Psyche sind auch die Beschränkungen des Raumes stark vermindert. Die wechselseitige psychische Einwirkung von Menschen aufeinander ist wesentlich intensiver und dauerhafter als die körperliche. Darum ist z.B. auch die psychische Einheit eines harmonisch zusammenlebenden Ehepaares etwas, was weit über ihre körperliche Verbundenheit hinausgeht.
Diese mangelnde feste Abgrenzung unserer Psyche bewirkt, dass wir psychisch ganz allgemein weit stärker ein Teil unserer Umgebung sind als mit unseren Körpern. Wenn uns ein Gedanke „einfällt“, so kann dieser deshalb ebenso von außen (nämlich der Umgebung) gekommen sein wie von einer inneren Assoziation. Darum wirken auch die kollektiven Gedanken unserer Umgebung, die sich in den allgemeinen Lebensanschauungen, Denkgewohnheiten, Sitten usw. ausdrücken, stark auf uns ein, und vielen Menschen fällt es sehr schwer, sich von ihnen (gegebenenfalls) wirklich freizumachen.
In eine völlig andere Kategorie des Seins aber führt der Schritt aus der Psyche in die innere Welt unseres geistigen Ichs.
In dem großen Bewusstseinsmeer der geistigen Welt, das manchmal auch kosmisches Bewusstsein, Christus-Bewusstsein oder buddhisches Bewusstsein genannt wird, herrscht völlige Einheit. Wer in dieses Bewusstsein eintaucht, ist in gewissem Sinne allgegenwärtig, denn dieses geistig-göttliche Bewusstseinsmeer ist das innere Leben aller Geschöpfe.
Die Religionen haben hierfür symbolische Umschreibungen, so z.B. wenn Jesus in den Evangelien die Worte in den Mund gelegt werden: „Wo immer zwei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Von dem indischen Weisen Ramakrischna, der an Kehlkopfkrebs litt, erzählt die Legende, dass er kurz vor seinem Tode zu seinen Jüngern sagte: „Ich habe hundert Kehlen, eine davon schmerzt.“
Das Eintauchen in das geistige Bewusstsein hat als zwei Aspekte - es ist eine Verbindung mit dem einen alles durchdringenden Leben, das von den Religionen Gott genannt wird, und zugleich eine Verbindung mit der Gesamtheit der Schöpfung und allen in ihr lebenden Wesen.
 
b) die Überwindung der Zeit
In unserem Wachbewusstsein und im Alltagsleben unseres irdischen Körpers sind wir einem strikten Gesetz der Zeit unterworfen, das durch die Rotation der Erde um ihre Achse und durch ihren Kreislauf um die Sonne bestimmt ist. Dieses strikte Netz der Zeit ist aber, wie wir seit Einstein wissen, nicht einmal in physikalischer Hinsicht ausnahmslos gültig. Bei kosmischen Geschwindigkeiten verändert sich das Zeitmaß und erreicht bei Lichtgeschwindigkeit den Grad „unendlich“, d.h., hier ist die Zeit praktisch aufgelöst.
Das ist für unser Denken kaum vorstellbar. Die Relativität des Zeitbegriffs in der Welt der Psyche vermögen wir jedoch täglich zu erleben. Einerseits im Traum, wo wir innerhalb eines Zeitraums von wenigen Sekunden oder Minuten einen ‚ganzen Roman‘ zu erleben vermögen, aber auch in unserem subjektiven Zeitempfinden im Wachzustand, wenn die Zeit in glücklichen oder angeregten Stunden zu galoppieren, bei Sorge, Schmerz oder Langeweile jedoch sich ins Endlose zu dehnen scheint.
Die Mystiker aber sprechen davon, dass sie in der eigentlichen geistigen Schau ein „ewiges Jetzt erleben“, d.h., sie haben sich in einen Bewusstseinsbereich erhaben, in dem nicht nur der Faktor Raum, sondern der Faktor Zeit nicht mehr existiert.
Wir haben es also mit drei Bewusstseinsbereichen zu tun, für die nicht nur hinsichtlich des Raumes, sondern auch hinsichtlich der Zeit verschiedene Gesetze gelten.
Der Mensch, der sein Bewusstsein schon während seines Erdenlebens nicht nur dem Bereich des Psychischen, sondern auch dem Bereich des Geistes öffnet, empfindet sein Leben - aber auch das Leben anderer und das Leben an sich - als eine Ganzheit, in der sein gesamtes Werden in jedem Augenblick gegenwärtig ist. Wie ein Film schon in seiner Gänze da ist, ehe er abgerollt und projiziert wird, und wie die gespielten Teile noch da sind, nachdem sie projiziert wurden, sieht er sich selbst und jeden anderen mit allen Ursachen, die ihn zu dem machten, was er jetzt im Zeitlichen ist, und mit allen Möglichkeiten, die noch in ihm liegen, in seinem gesamten Sein. Er sieht nicht bloß den Querschnitt des gegenwärtigen Augenblicks. Die Melodie jedes Lebens ist für ihn in einem zeitlosen Akkord integriert.
 
Es folgt Kap. 12: „Die Methode der Bewusstseinsentfaltung“
Quelle: Nobert Lauppert, Pilgerfahrt des Geistes, Graz 1972; Kap.11.
Das Büchlein ist - wenn überhaupt - nur noch antiquarisch zu erhalten.

 



Autor: Norbert Lauppert