Die Goldenen Verse des Pythagoras

Die Lebensregeln der Pythagoreer (ca. Mitte des 5. Jh. vor Christus)

 

 

Vorbereitung

Vor allem verehre die unsterblichen Götter,

so wie es die Göttliche Ordnung lehrt.

Ehre in frommer Scheu das Gelübde

und die edlen Heroen, halte sie heilig.

Verehre die in der Unterwelt

wirkenden Daimonen,

indem du opferst, wie es geboten.

 

Reinigung

Ehre die Eltern wie auch

Die nächsten Angehörigen.

Unter den anderen wähle jeder Edle

Den Freund nach dessen lauterer Gesinnung.

Folge seinen wohlmeinenden Worten

Und folge seinem beispielhaften Tun.

Werde dem Freund nicht Feind,

eines geringfügigen Versehens wegen,

soweit du kannst; denn freie Willenskraft

und Bestimmung durch das Schicksal

liegen nahe beieinander.

Das nun befolge genau,

und übe dich, alles zu meistern:

Vor allem Esslust wie auch Trägheit,

sinnliche Lust und Zorn.

Mögest du niemals Unwürdiges tun,

weder mit anderen, noch allein.

Vor allem lass‘ dich von deinem Ehrgefühl leiten.

Ferner übe dich, gerecht zu sein

im Reden wie im Handeln.

Gewöhne dich daran,

dich in keiner Weise unbesonnen zu verhalten.

Ja, erkenne: Es ist einem jeden

beschieden zu sterben.

Und die Güter der Erde werden erworben,

aber auch wieder verloren.

So tragen die Menschen Mühsal und Leid

durch Gott-gesandtes Schicksal.

Wenn du göttliche Fügung erfährst,

nimm sie gelassen hin nicht mit Unwillen.

Du sollst aber der Not abhelfen,

soweit du vermagst. Und bedenke:

Das Schicksal lädt dem Verständigen

durchaus nichts Übermäßiges auf.

Es treffen die Menschen

viele heillose aber auch heilsame Worte,

vor denen du aber nicht erschrecken sollst,

und lass dich ja nicht beirren.

Wenn eine Unwahrheit über etwas gesagt wir,

bleibe gelassen.

Was ich dir aber jetzt sagen werde,

soll in jeder Hinsicht getreu erfüllt werden.

Niemand möge dir seine Meinung einreden,

noch durch sein Tun dich verführen,

etwas auszuführen, ja nicht einmal zu sagen,

was nicht das gewiss Bessere ist.

Vor einer Handlung aber überlege und lass‘ dich

beraten, damit nichts Törichtes daraus entstehe,

sind doch nutzloses Handeln und Reden

Zeichen der Toren.

Setze nur das ins Werk,

was dich hernach nicht belastet.

Tue aber nichts, wovon du nichts verstehst,

sondern lerne alles,

was notwendig ist,

und du wirst das erfreulichste Leben führen.

Zudem ist es erforderlich, nicht nachlässig

mit der Gesundheit des Körpers zu sein,

sondern Maß zu halten,

sowohl im Trinken und Essen,

als auch in Übungen des Körpers

und des Geistes.

Maß nämlich, sage ich,

auf dass es dich nicht erschöpfe.

Gewöhne dich an eine reine und

disziplinierte Lebensweise.

Und achte darauf, freiwillig

nur so viel zu tun, wie es keinen Neid erregt.

Mache keinen unmäßigen Aufwand,

wie unerfahren du auch noch sein magst

in rechter Art der guten Sitte.

Sei auch nicht geizig -

eines freien Menschen unwürdig;

Maßhalten in allem ist das beste.

Tue genau das, was dich nicht schädigen wird,

aber erwäge, was zum besten des Werkes.

Auch soll der Schlaf

dir die müden Augen nicht schließen,

bevor du dir über jede einzelne Handlung

des Tages dreimal Rechenschaft gegeben.

Habe ich Unrecht getan?

Was habe ich mit Liebe erfüllt?

Was habe ich versäumt?

Beginnend beim Wichtigsten,

gehe alles in Gedanken durch; dann aber

bekämpfe in dir, was Ungutes du getan,

war es aber gut, so freue dich darüber.

Aus freiem Willen bemühe dich,

aus freiem Willen übe sorgfältig.

All dies sollst du in Liebe pflegen.

So wirst du auf dem Weg zur

Göttlichen Vollkommenheit wandeln.

Wahrlich, das schwöre ich bei dem,

der unserer Psyche

die Heilige Tetraktys (Vierzahl) anvertraute,

eingepflanzt dem ewigen Wesen.

 

Vollendung

Nun beginne dein Werk,

dir von den Göttern erflehend,

dass es zum Ziel führen möge.

All dessen wirst du Meister sein:

D u  w i r s t  e r k e n n e n

der unsterblichen Götter

und der sterblichen Menschen Verbindung,

die in allem erscheint und alles überwindet.

D u  w i r s t  e r k e n n e n  -

soweit es dir nach Göttlicher Ordnung

gebührt, dass die Natur in allem

gleichen Wesens ist,

so dass du weder Unmögliches erhoffst,

noch dir etwas verborgen bleibt.

D u  w i r s t  e r k e n n e n,

dass die Menschen selbstverschuldetes Leid

tragen;

die Unglücklichen, die

wenn auch das Gute nahe ist,

es weder beachten, noch dessen innewerden,

und nur wenige um die Erlösung vom Übel

wissen.

Eine derartige Torheit verwirrt ihren Sinn.

Auch sonst lassen sie sich von Stürmen des

Lebens auf andere als der Wahrheit Wege

fortreißen zu unendlichem Leid.

Denn es blieb ihnen verborgen

- eine unzertrennliche Begleiterin -

die unselige, schädigende Zwietracht;

sie soll man nicht vertiefen,

sondern, was man nicht ausgleichen kann,

soll man sogar fliehen.

Vater Zeus,

mögest du einen jeden erlösen

von vielerlei Leiden,

denn wie zu erwarten,

wirst du sie alle sehen lassen

mit welcher Art Daimon sie leben.

Vor allem sei getrost,

da ja die Sterblichen Göttlicher Herkunft sind,

und die Natur ihnen das Heilige offenbart

und sie alles schauen lässt.

Wenn dir wahrhaftig solches zuteil wird,

wirst du meistern, was ich dich heiße zu tun.

Ins Gleichgewicht bringend und heilend aber

wirst du die Psyche vor Leiden bewahren.

Doch meide in ernster Prüfung

schon die Anfänge dessen,

was wir Ungutes nennen,

zur Reinigung und Erlösung der Seele.

Und also versprich jedes einzelne:

Du wirst dich von oben her leiten lassen

durch edelste Einsicht, Absicht und

geistiges Vermögen.

Wenn du aber den Körper verlässt,

mögest du die Freiheit des Äthers erreichen.

Du wirst nicht mehr zu den Sterblichen

gehören, du wirst ein unsterblicher Gott sein,

herrlich und heilig.
 
Quelle: Die Goldenen Verse des Pythagoras, Hrsg. Inge von Wedemeyer, Heilbronn 1993,
ISBN 3-923000-77-4

 

 



Autor: Kompiliert nach den Reden des Pythagoras