DIE METHODE DER BEWUSSTSEINSENTFALTUNG

Yoga: 1. Teil - Rechtes Verhalten

Das Wachbewusstsein ist bei den Menschen unserer gegenwärtigen europäischen Rassen normalerweise vorwiegend im Gehirn konzentriert. Um zu einer Integration seines gesamten Wesens zu gelangen, muss der Mensch bewusste Arbeit leisten. Hierzu gehört vor allem, dass er, ohne seine Beziehungen zur äußeren Welt zu vernachlässigen, doch seine Blickrichtung ändert und seine Aufmerksamkeit nicht mehr ausschließlich der Außenwelt zuwendet. Nur wenn er sich in stärkerem Maße nach innen wendet, kann der Schleier zwischen dem Gehirnbewusstsein und den psychischen Schichten seines Wesens und schließlich das Tor zwischen Psyche und Geist geöffnet werden.

Dem dient konzentriert systematische Meditation, die jedoch von einer allgemeinen Pflege meditativer Geisteshaltung und von einem rechten Verhalten im äußeren Leben begleitet sein muss, wenn sie zum Erfolg führen soll.

Der Integration unseres Wesens stehen nämlich nicht nur innere Hindernisse entgegen - wie die mangelnde Entfaltung unserer inneren Bewusstseinsschichten und das mangelnde Interesse an ihnen -, sondern auch die äußeren karmischen Hindernisse, die wir die Leben hindurch durch die fortschreitende Absonderung und Isolierung unserer Persönlichkeit von der Ganzheit des Lebens geschaffen haben.

Ehe wir aufgehört haben, neue karmische Verstrickungen dieser Art zu schaffen, und ehe wir die alten bis zu einem gewissen Grade gelöst haben, ist uns der Weg in die Freiheit des geistigen Bewusstseins ‚verrammelt‘.

Dies ist zwar nur bedingt gültig, denn wenn jemandem eine vollkommene Umwendung nach innen gelänge, so würde sich dieser Mensch dadurch aus dem Bereich, in dem Karma wirkt, erheben und augenblickliche Befreiung erlangen. In diesem Sinne haben Mystiker oft von einer augenblicklich wirksamen „Bekehrung“ gesprochen, z. B. Paulus und Augustinus, und in unserer Zeit hat der Philosoph Krishnamurti wiederholt darauf hingewiesen, dass grundsätzlich der Weg in die Freiheit (- als eine Form des Bewusstseins-; die Red.) in jedem Augenblick beschritten werden kann.

Für die meisten Menschen bleibt dies allerdings nur Theorie, denn eine solche vollkommene Umwendung ist ihnen nahezu ausnahmslos unmöglich. Sie sind daher auf den längeren Weg der allmählichen Auflösung der karmischen Verstrickungen angewiesen.

Der Vermeidung des Schaffens neuer Verstrickungen dient in erster Linie eine rechte Lebenshaltung, die im Großen und Ganzen mit den ethischen Lehren der großen Religionen übereinstimmt.

Voraussetzung für eine solche Lebenshaltung ist aber

a) eine „psychische Hygiene“ - d.h. eine Beherrschung des Denkens und Fühlens, die dieses „gesund erhält“; ohne „gesundes“ Denken und Fühlen führt die Einhaltung - nicht verstandener - ethischer Gebote zu Verkrampfungen, und ohne „gesundes“ Denken und Fühlen ist auch ein gesundes physisches Leben schwer möglich.

b) eine geregelte, gesunde und mäßige physische Lebensweise, welche im Körper gelegene Hindernisse für eine innere Bewusstseinsentfaltung beseitigt und auch karmischen Belastungen der Gesundheit in kommenden Inkarnationen vorbeugt.

Von den meisten mystischen Schulen wird hier auch eine vegetarische Ernährung empfohlen - die Enthaltung vom Fleisch- und Fischgenuss -, da der Mensch sich durch den Genuss getöteter Tiere gegenüber der Lebensverbundenheit mit dem Tierreich vergeht, was wieder als karmische Reaktion seine Krankheitsempfänglichkeit zur Folge hat.

Eine besonders systematische Anleitung zum rechten Verhalten bietet das alte indische Yoga-System des Patanjali. Es umfasst als Vorbereitung fünf „Enthaltungen“, und zwar die Enthaltung von:

1. Gewalt

2. Unwahrheit

3. Diebstahl

4. Unmäßigkeit

5. Besitzstreben

und die Übung von fünf positiven „Verhaltensweisen“, nämlich

1. Reinlichkeit

2. Zufriedenheit

3. Strenge gegenüber sich selbst

4. Selbststudium

5. Hingabe an ein Ideal.

Von den fünf Enthaltungen scheinen die erste und die fünfte die bedeutendsten zu sein.

Über die Gewalttätigkeitbraucht nicht viel gesagt zu werden. Gewalttätigkeit ist die gröbste Form, andere zu unterjochen und zu verletzen, ihre notwendigen karmischen Rückwirkungen sind offenkundig.

Mehr Beachtung bedarf das Besitzstreben, das in gewissem Maße auch von rechtschaffenen Menschen oft irrigerweise als „gut“ betrachtet wird; übrigens liegt auch der Gewalttätigkeit oft ein Besitzstreben zugrunde.

Wir sollten über ein Grundgesetz im Klaren sein: Alles, was wir an uns binden, bindet uns wieder - gleichgültig ob mit „Rosenketten“ oder mit „Eisenketten“. Wenn wir etwas als Besitz für uns haben wollen, gleichgültig ob es sich um materielle Güter oder um Menschen handelt, schaffen wir dadurch ein Hindernis für unsere Befreiung. Ein apokryphes Jesus zugeschriebenes Wort lautet: „Die Welt ist eine Brücke. Geh hinüber, aber bau dir kein Haus darauf!“ Dies bedeutet nicht, dass ein enges Zusammenwirken und Zusammenleben mit anderen Menschen ein Hindernis ist. Es muss dabei nur jeder Versuch, den anderen an sich zu binden, ihn festhalten zu wollen, ausgeschaltet sein. Zusammenleben und Zusammenwirken erfordert natürlich Planungen und begründet Verantwortlichkeiten. Man selbst soll diesen Verantwortlichkeiten möglichst entsprechen - die Bindung beginnt dort, wo jemand ein Recht zu haben glaubt, von dem anderen etwas zu verlangen, was dieser nicht oder nicht mehr bereit ist, freiwillig zu geben.

Besitzstreben und Gewalttätigkeit schaffen aber nicht nur karmische Verstrickungen nach außen, sie bauen auch Hindernisse in unserer eigenen Psyche auf. Gedankliche Gewalttätigkeit, Macht- und Besitzstreben hindern uns am vorurteilsfreien Denken und harmonischen Fühlen. Sie schaffen außerdem künstliche psychische Elementale,Gedankenformen, die im Feld unserer Psyche verbleiben und jederzeit bereit sich wieder in dieselbe zu ergießen, wenn ich eine Gelegenheit sich bietet. Menschen werden so immer wieder von bestimmten Gedanken und Gefühlen sozusagen „besessen“.

Einer derartigen psychischen Haltung liegt oft auch eine Überschätzung des Irdischen an sich zugrunde. Der Weg der Befreiung verlangt zwar keine Verachtung des Irdischen; solange wir in dieser Welt leben, ist sie für uns von Bedeutung; wir müssen ihren Erfordernissen gerecht werden und können auch ihre Freuden annehmen, solange sie freiwillig auf uns zukommen. Wir dürfen sie nur nicht überschätzen, übersteigern und halten wollen.

Gegenüber diesen beiden Enthaltungen sind die drei anderen sekundärer Bedeutung. Das Motiv für Unwahrheit ist fast immer ein Erreichenwollen, Haltenwollen oder Vermeidenwollen, also ein Wunsch oder eine Angst. Wo volle Freiheit herrscht, ist die Lüge - weil unnötig - von selbst ausgeschlossen. Unmäßigkeit ist auch eine Folge des Besitzstrebens, n diesem Falle in Form des Genussstrebens. Ein mehr nach innen gerichtetes Bewusstsein läuft nicht Gefahr, durch nach außen gerichtetes Wunschdenken künstlich übersteigerte Wünsche zu schaffen. Über Diebstahl braucht nichts gesagt zu werden, er ist nur die Projektion des Besitzstrebens in die Tat oder die Folge sozialer Fehlstrukturen.

Von den fünf positiven Verhaltensweisen gehört die Reinlichkeit zu der bereits oben erwähnten gesunden geregelten Lebensweise und psychischen Hygiene.

Strenge gegenüber sich selbst ist vor allem in dem Sinne aufzufassen, dass der Körper daran gewöhnt ist, Befehlen, die wir ihm erteilen, zu gehorchen, auch wenn es unbequem ist - es ist eine Frage der Willensschulung.

Von besonderer Bedeutung ist die Pflege einer zufriedenen Geisteshaltung. Wer da Karma-Gesetz erfasst hat, muss sich darüber im Klaren sein, dass alles, was auf ihn zukommt, eine Wirkung eigener vergangener Aktivität ist und dass es daher recht sein muss. Davon, wie er den auf ihn zukommenden Ereignissen und Personen entgegentritt, hängt die Gestaltung seiner zukünftigen Leben ab. Umwelt und Geschehnisse, die auf sein Leben einwirken, sind die bestmöglichen Mittel für seine Entwicklung. Der Buddhismus nennt das Karma-Gesetz das „gute Gesetz“. Nur wenn wir uns diesen Gedanken und diese Haltung völlig zu eigen machen, kommen wir allmählich in die Lage, allen Ereignissen gelöst und sorglos, ohne Verkrampfung gegenüberzustehen und die Lehren aus ihnen zu ziehen, die wir ziehen sollen.

Im Lichte des im vorhergehenden Kapitel Gesagten kann es uns zu einer solchen zufriedenen Geisteshaltung helfen, wenn wir uns bemühen, uns etwas von den Geschehnissen zu distanzieren. Stellen wir uns vor, wir blicken ein Jahr oder gar zehn Jahre später auf ein Ereignis zurück, das wir gerade erleben - wie würden wir es da betrachten, würde es uns da auch so groß, so schwer erträglich erscheinen? Oder stellen wir uns vor, wir erführen von diesem Ereignis aus der Ferne, wir wären in einem anderen Kontinent und erlebten es nicht in unmittelbarer räumlicher Nähe. Wie würde dies unsere Reaktion verändern? Und was bedeutet dieses Ereignis im Laufe unserer vielen Leben? Und was bedeutet es für die größere Gemeinschaft, für die Menschheit als Ganzes?

Es folgt Kap. 13: „Die Methode der Bewusstseinsentfaltung“ (2. Teil: Meditation)
Quelle: Nobert Lauppert, Pilgerfahrt des Geistes, Graz 1972; Kap.12.
Das Büchlein ist - wenn überhaupt - nur noch antiquarisch zu erhalten.

 



Autor: Norbert Lauppert