Einige praktische Winke über
Konzentration und Meditation
 
(Fortsetzung aus Heft 1/2000)
 
Dr. Franz Hartmann (1838-1912)
 
Nach H. P. Blavatsky sind diese Unterabteilungen der zwei niedrigsten, nämlich des objektiven äusserlichen und des Astralbewusst-seins, wie folgt:
 
I. Das äusserliche objektive Bewusstsein
 
1. Objektives sinnliches Bewusstsein.
Es entspringt den fünf äusserlichen (physischen) Sinnesempfindungen in Menschen und Tieren, und kann in einem Schwachsinnigen ebenso lebendig sein, als in einem Weisen.
 
2. Astralisch-instinktives Bewusstsein.
Dasselbe ist in sensitiven Pflanzen und gewissen Tieren (Ameisen, Spinnen, nicht aber Bienen) tätig, und besonders in Taubstummen, Schlafwandlern und manchen Kranken vorhanden, und es befähigt gewisse sensitive Personen ohne die Zuhilfenahme der Augen, mit den Fingerspitzen, der Magengrube und dergleichen zu sehen, verschlossene Briefe zu lesen u. dergl. Auch wenn ein Mensch z. B. aus Schrecken die Besinnung verliert, so tritt das Bewusstsein auf die Astralebene über.
 
3. Physiologisch-emotionelles Bewusstsein (Kama Prana).
Dies ist das allgemeine Bewusstsein des Lebens in der objektiven Welt. Eine der Wirkungen desselben ist die chemische Affinität. Auch der den Tieren und Menschen innewohnende und zur Erhaltung ihres Lebens nötige, sie vor Gefahren zurückschreckende Instinkt, gehört dieser Bewußtseinsebene an.
 
4. Leidenschaftlich-emotionelles (psychisches) Bewusstsein (Kama-Manas).
In Tieren und Idioten ist dies das instinktive Bewusstsein auf den niedrigen Ebenen der Empfindung, im Menschen kommt der Verstand der blinden Begierde zu Hilfe.
 
5. Mentales emotionelles Bewusstsein (Manas), dessen Bereich sich bis zu Mahat1 erstrecken kann.
 
6. -7. Spirituelles emotionelles Bewußtsein, welches der Ebene der himmlischen Seele (Buddhi) angehört, in der sich der Geist Gottes (Atma) widerspiegelt. Von dieser Daseinsebene erstreckt sich das Bewusstsein bis zum Höchsten, dem „Vater im Himmel", es kann nicht beschrieben, sondern nur erfahren werden.
 
 
II. Das Astralbewusstsein
 
1. Das objektive Astralbewusstsein.
Es korrespondiert in jeder Beziehung mit dem objektiven Bewusstsein auf der physischen Ebene. Der „Seher", dessen Astralsinne eröffnet sind, nimmt die in der Astralwelt existierenden Dinge objektiv wahr, nur mit dem Unterschiede, dass sich alles verkehrt, wie ein Spiegelbild darstellt.
 
2. Instinktives Astralbewusstsein.
Die in diesem Zustande gesehenen Gegenstände erscheinen sehr verfeinert oder vergeistigt. Mediumistische Personen können diese Ebene erreichen; nicht sensitive Menschen erlangen solche Wahrnehmungen im Traume, im Trance-Zustande, Somnambulismus oder unter dem Einflusse eines narkotischen Mittels, Opium, Haschisch oder Lachgas, Chloroform usw.
 
3. Kama-Prana-Astralbewusstsein.
Die hierbei wahrgenommenen Bilder sind äusserst lebhafter Natur. Man findet diesen Zustand im Fieberdelirium und Säuferwahnsinn, und er ist die Ursache von Schreckbildern und Hallucinationen des Irrsinns.
 
4. Kama-Manas-Astralbewusstsein.
Dies ist der schrecklichste von allen Zuständen im Astralen. Von dieser Ebene kommen die Vorstellungen, welche den Menschen in Versuchung führen. Bilder von Larven und Teufeln in Kama Loca, in welchen alle möglichen Schandtaten und Laster sich darstellen und den Menschen die Begierde zu Verbrechen verschiedenster Art einimpfen. Geistesschwache Menschen, die keinen innerlichen Halt haben, werden davon zu ähnlichen Handlungen getrieben und ahmen sie fast automatisch und unwillkürlich nach. Auf dieser Ebene sind die Samen zu epidemischen Verirrungen und allgemeinen Katastrophen, Krieg, Mord, Brandstiftung, Erdbeben, Pest usw. enthalten.2
 
5. Mentales Astralbewusstsein (Manas).
Dies ist die mentalische Astralebene, von welcher Vorahnungen, Warnungen und Ratschläge in Träumen, Blicke in die Vergangenheit und Zukunft u. dergl. kommen. Die hierher gehörigen Bilder kommen nicht aus der höheren Geistesregion.
 
6. Seelisches Astralbewusstsein (Buddhi).
Hier entspringen die schönsten Inspirationen von Künstlern, Malerei, Poesie, Bildhauerei und Musik; hohe Arten von Träumen und Visionen, geniale Eingebungen und intuitionelle Erkenntnis. Hier können auch flüchtige Erinnerungen an frühere Inkarnationen eintreten.
 
7. Geistiges Astralbewusstsein
Dieses Bewusstsein ist im Augenblicke des Todes, wenn das ganze vergangene Leben vor der Seele blitzgleich vorüberzieht, oder auch bei ausserordentlichen Visionen vorhanden.
 
Es gibt somit vielerlei und verschiedene Bewusstseinszustände, in welche ein Mensch eingehen kann, und von denen jeder seine ihm zugehörigen Empfindungen und Wahrnehmungen hat, und mit jedem Eingehen in einen solchen eröffnet sich ihm eine andere Welt mit ihren Bewohnern. Dieses Eingehen geschieht aber dadurch, dass er auf dem Wege der Konzentration seine geistigen Kräfte zu einer einzigen sammelt und sich durch diese Kraft mit ganzer Seele in den Gegenstand seiner Andacht und Betrachtung versetzt. Auf diese Weise kann jemand, der in dieser Kunst geübt ist, in wenigen Augenblicken eine bessere Kenntnis des Gegenstandes seiner Forschung erlangen, als wenn er über denselben jahrelang grübelt und spekuliert, weshalb denn auch der weise Patanjali sagt: „Wenn das Gemüt so abgerichtet ist, dass die gewöhnlichen Veränderungen seiner Thätigkeit nicht vorhanden sind, und nur diejenigen stattfinden, welche das selbst-bewusste Aufnehmen eines Gegenstandes zur Betrachtung betreffen, so wird das Gemüt selbst in das Gleichnis dieses Gegenstandes verwandelt und es tritt eine völligen Erkenntnis des Wesens desselben ein."
 
In diesem Stillehalten beruht aber gerade die Schwierigkeit der Konzentration. Der Geist der meisten Menschen gleicht einem im Herbste vom Sturme bewegten Walde, in welchem dürre abgefallene Blätter in der Luft hin und her wirbeln. Fortwährend strömen Ideen, Vorstellungen und Gedanken in uns ein, unbekümmert darum, ob sie uns willkommen oder verhasst sind, und sucht man gar an einem einzigen Gedanken auch nur eine Minute lang festzuhalten, so erscheint dies dem Ungeübten als eine Unmöglichkeit, weil sich ihm stets Nebengedanken aufdrängen. Schon der Gedanke: Jetzt will ich diesen oder jenen Gedanken festhalten!" hindert die Konzentration, weil er selbst ein Nebengedanke ist und die Wirkung des Willens teilt.
 
Um sich in der Konzentration des Gedankens zu üben, kann hierzu irgend ein beliebiger Gegenstand gewählt werden; allein wenn hierzu ein solcher genommen wird, der an sich selbst nichts Erhebendes oder Erbauendes hat, so können durch dessen Kontemplation auch nur niedere und vielleicht gar nicht wünschenswerte psychische Fähigkeiten entfaltet werden. Der Gegenstand der Meditation eines wahren Theosophen sollte immer ein seiner selbst würdiger sein; irgend ein hohes Ideal, das Andenken an irgend einen grossen und edlen Geist der Vergangenheit, die Gesetze Gottes, hohe Grundsätze oder Prinzipien, irgend ein guter Gedanke oder eine gute nachahmenswürdige That; am besten aber wird hierzu das eigene höhere Selbst, die Gottheit in unserer Menschheit, gewählt. Damit ist aber, wenn wir es in der Sprache der Bibel ausdrücken sollen, nichts anderes gemeint, als „Jesus Christus in uns, das Geheimnis unserer Erlösung und die Hoffnung unserer Verklärung und Herrlichkeit". Wer das Höchste erreichen will, muss das Niedere fahren lassen, weshalb es denn auch heisst, dass die Weisheit eine eifersüchtige Königin sei, die allein herrschen will und keine Nebenbuhlerinnen duldet.
 
Es wird oft gesagt, dass man selber gar nichts zu denken brauche, sondern nur den Geist Gottes in sich wirken lassen solle, und dies wird von vielen, die aus Neugierde oder in der selbstsüchtigen Absicht, „okkulte Kräfte" zu erlangen, dergleichen Übungen unternehmen, so verstanden, als ob man durch ein geistloses Hinbrüten oder gedankenloses Träumen dieses Ziel erreichen könne; aber es ist leicht einzusehen, dass dies nicht der richtige Weg ist, um das Herz vorzubereiten, ein Tempel zu werden, in welchem der Geist Gottes seine Wohnung nehmen und offenbar werden kann.
 
Ein solches „Sitzen für Yoga" hat keinen anderen Erfolg, als moralische und auch oft physische Verlotterung, denn ein willenloser und gedankenloser Mensch öffnet auf diese Weise allen möglichen niederen und astralen Einflüssen das Thor und hat schliesslich statt Gottes Geist den Teufel im Leibe. Wer richtig meditieren will, muss sich allerdings passiv und empfänglich für das Höchste, aber auch positiv und abstossend gegen alle niederen Einflüsse machen, und dies geschieht dadurch, dass er sein Herz von niedrigen Begierden reinigt, und seine Seele zum Höchsten erhebt. „Erhebe dich zu mir, und umfasse mich," sagt der göttliche Hermes, „und ich will Dir erstaunliche Dinge zeigen, die kein menschlicher Gedanke fassen und kein menschlicher Mund aussprechen kann".
 
Einer der Adepten des Himalaya, K. H., sagt Folgendes:
 
" Die grösste Schwierigkeit, welche bei der Meditation zu überwinden ist, besteht in der Übertragung der Kenntnis des höheren Selbsts auf die physische Ebene. Um dies zu erreichen, muß das physische Gehirn für alles ausser dem höheren Bewusstsein unzugänglich gemacht, und der Astralkörper oder Doppelgänger gleichsam lahm gelegt werden, sonst kommt Irrtum und Wirrwarr dabei heraus. Suche vor allem dich in einen solchen Zustand zu versetzen, dass du nichts von dem empfindest, was mit deinem physischen Körper geschieht; trenne dich tatsächlich von ihm. Wenn du aber bei diesen Versuchen irgendeinen fremdartigen Einfluss fühlst, der von aussen kommt, so unterbrich die Konzentration sogleich. Das Beste ist, die Konzentration auf den Meister, als einer lebendigen Person in dir selbst, zu richten. Mache dir ein Bild von ihm in deinem Herzen und lass dies einen Brennpunkt für deine Konzentration sein, so dass du in diesem einen Gedanken ganz dein körperliches Dasein vergisst. Diese Vorstellung des Meisters in dir ist der beste Schutz gegen Geisterspuk. Der ganze Versuch ist für sensitive Personen viel gefährlicher als für andere, weil ihr Organismus andere Einflüsse der Natur anzieht und ihnen zugänglich ist. Der beste Gegenstand für Konzentration und der beste Schutz gegen das Böse ist unter allen Umständen das innere höhere Selbst."
 
Wie wir aus diesen Worten eines Meisters ersehen, ist diese Art von Konzentration etwas weit Tiefergehendes und Schwierigeres, als was man gewöhnlich unter „Andacht" versteht, und es würde wohl nicht leicht sein, in Europa jemanden zu finden, der auch nur die erste Vorschrift in obigem, nämlich seinen physischen Körper so zu vergessen, dass man nichts davon empfindet, was mit ihm geschehen mag, erfüllen könnte. Auch würden sich verhältnismässig wenige finden, die sich von ihrem Körper trennen könnten, weil den meisten ihr Körper ihr alles und der Astralkörper zu innig mit demselben durch ihre Leidenschaften verwachsen ist, um sich von ihm trennen zu können.
 
Von den Möglichkeiten einer echten Meditation haben überhaupt hier zu Lande nur wenige einen Begriff, und dieselben übersteigen die Begriffsfähigkeiten unserer Gelehrten. So wurde z.B. vor mehreren Jahren in der Nähe von Kalkutta von den Engländern ein indischer Heiliger (Yogi) gefunden, der viele Jahre bewegungslos unter einem Baume gesessen hatte, so dass die Wurzeln des Baumes um seine Glieder herumgewachsen waren, und bei dem Versuche, ihn mit einer Axt herauszuhauen, wurde er so misshandelt, dass er starb. Auch die christlichen „Säulenheiligen" bieten dergleichen Beispiele dar; aber alle diese Dinge sind für unsere „Aufgeklärten" und „Gebildeten" nur mehr ein Gegenstand des Spottes, weil sie nichts davon verstehen.
 
Thatsache ist, dass ein wirklich geistliches* oder religiöses Leben etwas ganz anderes ist, als was die grosse Menge (die „Geistlichen" und Frommen mit eingeschlossen) darunter versteht. Der wirklich geistlich* erwachte Mensch, sei er „Christ" oder „Heide", lebt in „Christus" und ist dieser Gottmensch selbst; das Leben in seinem auf Erden wandelnden Körper ist für ihn gleichsam nur eine ihm durch sein noch nicht erfülltes Karma aufgedrungene Nebenbeschäftigung und die Körperwelt für ihn ein Ort der Verbannung, von der er Erlösung hofft. Für den modernen Weltmenschen, selbst wenn er sich einbildet, sehr „religiös" zu sein (von den „Materialisten" ist hierbei gar keine Rede), ist diese Welt alles, wovon er weiss und alles geistliche* Leben ein Traum. Sein Sinnen und Trachten bezieht sich auf das Äusserliche, und das, was er „Religion" nennt, ist ihm eine Nebenbeschäftigung, ein Zeitvertreib oder eine Belustigung, wenn nicht gar eine Heuchelei, für die er dann noch eine Belohnung im Himmel erwartet.
 
Thörichter aber noch als dies alles sind die Bemühungen vieler, die sich einbilden „Theosophen" oder „Okkultisten" zu sein und welche, verleitet durch das Lesen von Schriften, die sie missverstanden haben, gewisse Übungen unternehmen, welche sie geistig, moralisch und vielleicht auch körperlich auf den Weg des Verderbens führen. Hierher gehören alle diejenigen, welche die selbstsüchtige Absicht haben, sich in den Besitz okkulter Kräfte zu setzen, um dadurch persönliche Vorteile zu erlangen, und besonders auch jene, welche, vielleicht mit den besten Absichten, aber aus Unverstand, Vorschriften befolgen, die sie in Übersetzungen gelesen haben, deren Verfertiger selber nichts von der Sache verstanden. Dies bezieht sich hauptsächlich auf gewisse Schriften über Hatha-Yoga und Tantrika, Pranayama, die von vielen ganz verkehrt aufgefasst werden.
 
So sagt z. B. H. P. Blavatsky: „Hatha Yoga beruht auf der „Unterdrückung des Atmens", welches man „Pranayama" nennt, und welches oft so aufgefasst wird, als ob es sich dabei um eine Unterdrückung des Atmens der Lunge handelte, während doch die alten Bodsha Yogis darunter den „geistigen" oder „Willens"-Atem verstanden. Einige ungeduldige „Chelas", die wir persönlich in Indien kannten, fingen, trotz unserer Warnungen, Hatha Yoga-Übungen an. Von diesen verfielen hierdurch zwei der Schwindsucht und einer von diesen starb. Andere bildeten sich zu Idioten aus; einer beging Selbstmord und ein anderer verfiel der schwarzen Magie; aber seine Laufbahn wurde, zum Glück für ihn, durch seinen Tod unterbrochen."3
 
Wir leben in einer verkehrten Welt; überall wird Ursache mit Wirkung verwechselt und die „Theosophisten" und „Spiritualisten" im allgemeinen machen keine Ausnahme davon. Der Irrtum ist aber gerade deshalb besonders gefährlich, weil in ihm in der Regel ein Körnchen von Wahrheit verborgen ist. So ist es z.B. allerdings richtig, dass wenn ein Mensch sich in einer Ekstase oder auch nur in einem Zustande von gespannter Aufmerksamkeit befindet, ihm gleichsam „der Atem stille steht", und es ist ebenfalls richtig, dass man durch ruhiges Atmen seine Aufregung bemeistern und ruhiger denken kann; aber wenn jemand sich einbildet, dadurch, dass er sich die Nase zuhält, sich in den Himmel versetzen zu können, so ist dies ungefähr ebenso aufzufassen, als wenn man glauben wollte, dass, weil Goethe einen Zopf getragen hat, man sich durch das Tragen eines Zopfes zu einem Goethe machen könne. Wir können aus eigener Beobachtung Blavatsky vollkommen beistimmen, wenn sie sagt: „Ich wünsche auf das eindringlichste, jedermann davon abzuraten, irgend welche dergleichen Hatha-Yoga-Praktiken zu unternehmen, denn man ruiniert sich dadurch entweder ganz oder kommt dabei so weit zurück, dass es beinahe unmöglich sein wird, in dieser Inkarnation das Verlorene wieder einzuholen."
 
Aber von der Wahrheit, welche einfach und selbstverständlich ist, wollen die wenigsten unserer modernen „Okkultisten", „Spiritisten", „Theosophisten", „christlichen Mystiker" usw. etwas wissen; denn da die menschliche Natur selbst kompliziert ist, wird sie von der Vielheit angezogen und kann das Einfache nicht erkennen. Es ist bekannt, dass wilde Völker einen grossen Scharfsinn für die Beobachtung von Einzelheiten haben, aber wenig Sinn für das Ganze. Sie sehen es, wenn ein Blatt im Busche sich regt, aber die Schönheit des Busches hat für sie kein Interesse. Ähnlich verhält es sich mit denjenigen „Metaphysikern", „Psychologen" und dergl., die ebenfalls „den Wald" nicht sehen können „wegen der Bäume", aus denen er besteht. Sie suchen auf allerlei Umwegen und durch allerlei Schliche sich der Wahrheit zu bemächtigen; nur den geraden Weg, der zu ihr führt, wollen sie nicht gehen. Sie suchen die Wahrheit zu erhaschen und verhindern dadurch, dass sie sich in ihnen selbst offenbart.
 
Ebenso sucht ein grosser Teil der Anhänger irgend eines Religionssystems, sei es in Europa oder in Asien, durch äusserliche Mittel ins Paradies zu gelangen, und da das hierdurch erlangte „Paradies" nur auf dem äusserlichen Scheine beruht, so ist es eben auch nur ein Scheinparadies. Man findet es viel bequemer und angenehmer, sich durch jemand anderen in den Himmel befördern zu lassen, als selber zu denken, selbst auf dem dornigen Wege zu wandeln und das Tor aufzusprengen, das in den Himmel führt. Deshalb findet auch jede neue Komödie, die vor den Augen der Welt aufgeführt wird, ausreichende Unterstützung: die Wahrheit aber hat nichts mit Proselytenmacherei zu tun, sie zieht nicht mit der Lärmtrommel in den Strassen herum; sie wirkt im Verborgenen und es findet sie niemand, wenn sie sich nicht in ihm selbst offenbart. Erst wenn diese innerliche Erkenntnis eintritt, dann beruht sein Wissen nicht mehr auf dem, was er von einem andern gehört oder gelesen hat, sondern dann hat er die Erkenntnis der Wahrheit selbst.
 
Zweck der Konzentration und Meditation ist somit, die Bedingungen herzustellen, unter denen das Wahre (Gott) die Seele erleuchten und im Innern offenbar werden kann. Wir können das Licht in uns nicht erzeugen, wohl aber uns ihm nähern; ein Teil der Erde würde immer im Dunkeln bleiben, wenn sie nicht durch ihre Drehung alle ihre Teile der Sonne zuwenden würde. So kann auch die Weisheit Gottes (Theosophie) in einem Augenblicke demjenigen zu teil werden, der sich der Sonne der Weisheit zuwendet, während sie demjenigen, der sich von ihr abwendet, trotz alles seines Forschens und Grübelns verborgen bleibt. Alles Studium der „Geheimlehre" und anderer theosophischer Schriften kann nur den einen Zweck haben, irrige Theorien durch richtige zu ersetzen, unsere Weltanschauung zu verbessern und uns auf den Weg aufmerksam zu machen, den jeder, der zum Ziele gelangen will, selbst gehen muss; aber die besten Lehren der Weisen bringen keinen Nutzen, wenn man sie nicht befolgt. Auch ist es viel leichter, weise Lehren zu predigen, als sie selbst zu befolgen, und es gibt viele, die sich damit beschäftigen, andern den Weg zu zeigen, den sie aber selbst niemals gegangen sind.
 
Wie notwendig es nun wäre, dass die Menschheit einmal zur innerlichen Sammlung und zum Nachdenken über sich selbst gelangen sollte, davon gibt der jetzige Zustand der Welt, dessen Grundlage Selbstsucht, Herrschsucht und Habgier sind, hinreichendes Zeugnis; denn trotz aller angeblichen Aufklärung wird auch heute noch, so wie es seit Jahrhunderten der Fall war, im Namen des „Christentums" und der Zivilisation Mord, Raub und Diebstahl, Brandstiftung und Schändung verübt. Alle diese Torheiten entspringen aus den verkehrten Begriffen, welche sich die Menschen von dem Wesen Gottes, ihrer selbst und der Natur machen, und diese Begriff werden sich nicht eher ändern, als bis die Menschheit im allgemeinen die ihrem Dasein zu Grunde liegende Einheit und Allgegenwart Gottes im Weltall erkennt.
 
Diese religiöse Erkenntnis besteht aber nicht in der blossen intellektuellen Annahme, dass der Gott des Weltalls allgegenwärtig sei und dass sein Geist folglich in allen Menschen, einerlei welchem Religionssystem sie angehören, vorhanden sei und nach Offenbarung strebe, sondern es handelt sich vielmehr darum, dass jeder Einzelne die Wahrheit dieser Lehre in sich selber fühle, sie in sich selber täglich mehr verwirkliche und dass in ihm das Bewusstsein dieser Einheit des Ganzen und der daraus folgenden Zusammengehörigkeit aller Bewohner der Erde immer zu stets wachsender Klarheit erwache. Dies kann auf keine andere Weise geschehen, als dadurch, dass man in seinem eigenen Herzen die Liebe zu der Gottheit in der Menschheit kultiviert und alle selbstsüchtigen Begierden zum Schweigen bringt. Dies ist die einzig richtige Kultur, aus welcher die wahre Zivilisation entspringt, und welche nichts mit Missionaren und Bajonetten, Handelsinteressen und Kanonen zu schaffen hat.
 
Die wahre Sammlung oder Konzentration, welche ein jeder Mensch unter allen Umständen ausüben kann, besteht somit nicht in einer intellektuellen Grübelei oder theologischen Gehirnspekulation, noch auch in Schwärmen und Träumen, sondern darin, dass man Gott (die Wahrheit) im Herzen trägt, das Gemüt darauf gerichtet hält und hierdurch den Keim seiner Erkenntnis pflegt und sein Wachstum befördert. Auch bedarf es dabei keiner andern Anstrengung als der Ruhe des Herzens; denn es ist mit dem Wachstum der Weisheit oder Gotteserkenntnis im Herzen des Menschen, wie mit dem Wachstum eines Baumes, den der Gärtner auch nicht wachsen machen, sondern nur sein Wachstum befördern kann, indem er die hierzu nötigen Bedingungen schafft.
 
Dies ist der Anfang der Konzentration, die bei denen, welche sich ihr gänzlich widmen, in der religiösen Ekstase gipfelt, bei welcher völlige Erleuchtung und Erkenntnis eintritt, die aber nur für die Weisen und Heiligen bestimmt ist, deren Herzen gereinigt sind; denn nur diejenigen, welche reinen Herzens sind, werden Gott schauen. Wir können das Licht nicht erschaffen, es ist schon da; aber der Spiegel der Seele muss frei vom irdischen Staube sein, wenn es in ihm in seiner göttlichen Klarheit offenbar werden soll. Auch kann niemand das obere Ende einer Leiter erreichen, ohne die Zwischenstufen zu überwinden; die Natur macht auf dem geistigen Gebiete keine Bocksprünge, sondern es geht alles seinen ordnungsmässigen Gang.
 
Eine schwangere Frau stellt für uns ein Sinnbild des geistigen Wachstums und der Wiedergeburt dar. Nicht ihre Person, sondern das Kind in ihr wächst. Sie kann dabei sich mit äusserlichen Dingen beschäftigen und braucht nicht fortwährend über ihren Zustand nachzudenken, noch wissenschaftliche Forschungen darüber anzustellen. Dennoch ist sie sich innerlich dieses neuen Daseins bewusst, der sie mit der Vorahnung ihrer Mutterfreuden erfüllt. Die Frucht geht ohne ihr Zutun der Reife entgegen, und ist die Stunde der Geburt vorüber, so überströmt sie mit Empfindungen, welche nur diejenigen kennen, die sie selber erfahren haben.
 
Für diejenigen aber, welche entschlossen sind, sich einem höheren geistlichen* Leben zu widmen und ihre innerliche Evolution zu befördern, gibt es ausser den oben angedeuteten Anweisungen noch einige besondere Ratschläge, welche wir empfehlen können.
 
1. Der Mensch folgt seiner Gewohnheit, und es ist deshalb wünschenswert, täglich eine bestimmte Zeit der Erlangung der innerlichen Ruhe und Sammlung zu widmen. Am geeignetsten erscheint hierzu die Zeit des Sonnenaufgangs und Sonnenuntergangs.
 
2. Man sollte sich nach dem Schlafengehen daran gewöhnen, nur an das höchste Ideal, das man sich vorgesetzt hat, zu denken, und mit dem Gedanken daran einzuschlafen. Die Richtung, welche der Geist hierdurch erhält, setzt sich auch während des Schlafes fort und bringt ihre Früchte beim Wiedererwachen hervor. Man kann sich auf diese Weise von geistigen, moralischen und auch körperlichen Übeln befreien. Beinahe jedermann kann sich dadurch, dass er mit dem Vorsatz einschläft, zu einer bestimmten Stunde aufzuwachen, um die festgesetzte Zeit aufwachen machen; denn der Wille wirkt, auch während der Körper im Schlafe liegt, fort. Die Kenntnis dieses Gesetzes kann aber zu viel höheren Zwecken angewandt werden, und wer sich beim Einschlafen ernstlich vornimmt, diese oder jene Untugend abzulegen, sich über dieses oder jenes Klarheit zu verschaffen u. dergl., wird sich bald überzeugen, dass ihm dies über alles Erwarten gelingt.
 
3. Desgleichen sollte man beim Erwachen sogleich sein Gemüt auf das vorgesetzte hohe Ideal richten und den müssigen Spielen der Phantasie keinen Spielraum gewähren.
 
4. Schliesslich sollte man sowohl vor dem Einschlafen als auch nach dem Erwachen allen seinen Feinden von Herzen verzeihen.
Wer dies befolgt, der wird, auch wenn er sein Leben lang im Verborgenen bleibt, und niemand seinen Namen kennt, ein richtiger Theosoph werden und ein Segen für die ganze Menschheit sein. Je mehr er selbstlos denkt und selbstlos für das Ganze handelt, und sich frei macht von der Illusion der Eigenheit, um so mehr erwacht das Bewusstsein seiner wahren Menschennatur in ihm und um so näher wird ihm die Gottheit sein.
Wörtlicher Nachdruck aus „Lotusblüthen", 1900, S. 776 ff
 
1 Da im Deutschen für alle dergleichen Dinge die Begriffe fehlen, so hat auch die deutsche Sprache keine Bezeichnungen, oder nur solche Worte dafür, deren Sinn heutzutage ganz verkehrt aufgefaßt wird, und müssen wir uns daher wohl oder übel dazu bequemen, uns entweder mit den Sanskrit-Bezeichnungen vertraut zu machen oder im Nebel zu bleiben. „Mahat" von Maha = gross, bedeutet im gewissen Sinne die grosse Weltseele oder den Geist des Makrokosmos. (Siehe Goethes „Faust" I. Teil)
 
2 Nach der Lehre der höheren Wissenschaft haben dergleichen Dinge keine „übernatürlichen" Ursachen, noch sind sie dem blinden Spiele des „Zufalles" zuzuschreiben, sondern sie haben ihren natürlichen Ursprung, der aber viel tiefer sein kann, als unsere oberflächliche Schulweisheit einsehen kann. Moralische Verkommenheit führt zu körperlichem Siechtum, vergeudete Nervenkraft zu Epilepsie. Im Makrokosmos herrscht aber dasselbe Gesetz wie im Mikrokosmos, und Krankheiten der Weltseele haben krankhafte Erscheinungen und Erschütterungen im politischen, sozialen, ja sogar im physischen Organismus der Erde zur Folge.
 
* Wahrscheinlich ist „geistig, -e, -es" gemeint (die Red.)
 
3 Der Verfasser hat während seines langjährigen Aufenthaltes in Amerika und Indien viele solche ruinierte Existenzen gesehen, und gerade um solchen Torheiten entgegenzuarbeiten, nicht aber um dieselben zu verbreiten, die Herausgabe der „Lotus-blüthen" unternommen.
 


Autor: Dr. Franz Hartmann