H. P. Blavatsky:  Die Quelle ihres Wissens - biographische Streiflichter

Die Geheimlehre fußt, so erklärt Blavatsky, auf der „gesammelten Weisheit der Zeitalter". Sie     betont, dass dies kein von ihr erfundenes spekulatives System, keine Einbildung einzelner Menschen sei. „In der Tat handelt es sich um die lückenlosen Aufzeichnungen Tausender Generationen von Sehern." Von ihr stamme nur das Band, das diesen Blumenstrauß zusammenhält

Wie war Blavatsky an solche „Aufzeichnungen" gelangt? Wo erhielt sie Einblick in jene zeitlose Weisheit, die durch Tausende von Sehergenerationen (!) tradiert wurde?

In der Biographie ihrer frühen Jahre finden wir kaum Anhaltspunkte. In Russland in einer gutsituierten Adelsfamilie 1831 geboren, erhielt sie die für Mädchen ihres Standes übliche Allgemeinbildung. Sie fiel durch einen wachen Geist auf, war vielseitig begabt, las viel und liebte lange Ausritte und Wanderungen in der Natur. Mit offenen psychischen Sinnen geboren, lernte sie außerdem durch eigene „Beobachtung". Es wird berichtet, dass sich z. B. beim Betrachten eines Steines, den sie aus dem Flusssand aufgehoben hatte, dessen vergangene ,Geschichte' (frühere Entwicklungsperioden) vor ihrem geistigen Auge entfaltete. Mehrfach wurde die Familie Zeuge ihrer psychischen Fähigkeiten, aber auch ihres starken Unabhängigkeitssinns, der so gar nicht in die gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit, schon gar nicht in die für eine Frau ihres Standes, passte. Nach einer überstürzten Ehe, die ihr alles andere als die erhoffte Freiheit aus Familienzwängen verschaffte, begab sie sich mit kaum zwanzig Jahren auf ausgedehnte Reisen, die sie mehrmals rund um den Globus führten und mit Kulturen, Denkweisen und spirituellen Traditionen verschiedener, vor allem nicht-europäischer Völker, in engen Kontakt brachte.

Höhepunkt dieser Zeit war ihr Aufenthalt in Tibet - damals noch gegenüber westlichen Ausländern hermetisch abgeriegelt, wohin sie nach ersten vergeblichen Versuchen schließlich doch gelangte. In Klöstern und im Ashram indischer Weiser wurde ihr die Möglichkeit eines längeren Aufenthaltes gegeben, sie studierte uralte Handschriften und Überlieferungen, die sie später in ihren Werken vor einer verblüfften westlichen Öffentlichkeit ausbreitete. Wie sie später erklärte, wurde sie dort von „Wissenden", „Älteren Brüdern", von denen sie einen seit ihrer Kindheit aus Träumen und Visionen, seit einer Begegnung in London auch im physischen Körper kannte, auf ihre spätere Aufgabe im Westen vorbereitet.

Es ist hier nicht der Raum, auf die Einzelheiten der Übermittlung und der Autorschaft ihres Monumentalwerkes einzugehen. Erwähnt sei nur die Aussage eines ihrer indischen Lehrer gegenüber W. Q. Judge, die Geheimlehre sei das gemeinsame Werk von Mahatma M., Blavatsky und ihm (K.H.).1 Im Zeitalter digitaler Kommunikation sind Übermittlungen, die sich nicht des schwerfälligen physischen Transportweges bedienen, nichts Ungewöhnliches mehr. Jeder kann heute Bilder und Nachrichten per Handy empfangen, und es gibt Einzelfälle, die darauf deuten, dass der Mensch selbst in seiner psycho-mentalen Konstitution Sender und Empfänger von Mitteilungen sein kann. Zu Blavatskys Zeit war dies noch nicht denkbar und wurde, wie in solchen Fällen üblich, als Betrug deklariert, Blavatsky ungeachtet des tiefsinnigen und universellen Inhalts ihrer Werke als Betrügerin gebrandmarkt.

Zwar ist dieses Urteil inzwischen revidiert; die „Gesellschaft für psychische Forschung" (SPR) in London, die für dieses Fehlurteil verantwortlich war, ließ 1986 eine entsprechende dreiseitige Presseerklärung durch alle führenden Zeitungen in Großbritannien, USA und Kanada gehen. Dr. Vernon Harrison, der mit dem Fall beauftragte Experte, schließt seinen Bericht mit den Worten: „Ich bitte Blavatsky nachträglich um Vergebung, dass wir hundert Jahre gebraucht haben, um zu demonstrieren, dass sie die Wahrheit geschrieben hat."2 Doch ist das damals erzeugte Vorurteil nicht ohne Wirkung geblieben. Wie Th. Roszak feststellt, haben es viele übernommen (teilweise aus Lexika), ohne je eine Zeile von ihr gelesen zu haben. Sein Fazit daher, Blavatsky sei eine zukunftsträchtige Begabung, die es noch zu entdecken gelte", denn „mit dem groß angelegten Panorama, das sie in ihrer Kosmologie und Anthropologie über die Entwicklung von Kosmos und Mensch enthüllt, setzt sie wirkliche Maßstäbe."

Trotzdem bleibt festzustellen, dass ihr Werk ununterbrochen über hundert Jahre im Druck geblieben ist und auf vielfältige, manchmal unterschwellige Weise seinen Einfluss ausgeübt hat. Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass sich der allgemeine Denkhorizont, wenn auch langsam, in der von Blavatsky eingeschlagenen Richtung öffnet. Shirley Nicholson kommt in ihrer Untersuchung vonUralter Weisheit und moderner Erkenntnis zu folgendem Ergebnis:

„Ihr Werk bildet die Grundlage für die Vielfalt esoterischer Lehren, die heute so populär sind. Wenngleich vor über hundert Jahren veröffentlicht, bildet die Geheimlehreimmer noch die Hauptquelle für die Grundbegriffe und Lehren, aus denen die Uralte Weisheit besteht ... ungleich vielen späteren Autoren betonte HPB stets die dem Universum zugrunde liegenden Gesetze, die es lenken. Sie enthüllte ein umfassendes System ineinandergreifender Prinzipien, eine Metaphysik, die die Grundlage der manifestierten Welt bildet." (Kassel 1989, S. 9)

Struktur der Geheimlehre - Streiflichter auf zukünftige Entdeckungen

Wie bereits erwähnt, setzt sich die Geheimlehre aus zwei (bzw. drei) Bänden zusammen: Kosmogenesis und Anthropogenesis; der dritte Band, Esoterik,wurde posthum herausgegeben.

Die beiden ersten Bände stützen sich auf das wohl älteste der Menschheit erhalten gebliebene Buch, das geheimnisvolle Buch Dzyan, das HPB in einem Ashram in Tibet studiert hatte. Die lange angezweifelte Existenz dieses Werkes konnte inzwischen durch den Tibetologen David Reigle geklärt werden: es handelt sich um einen Teil der Bücher des Ki-ute, möglicherweise um den fünften esoterischen Teil des Kala-chakra Tantra, genannt Jnana Yoga.3

Beide Bände der Geheimlehre, Kosmogenesis und Anthropogenesis, gliedern sich jeweils in drei Teile.

Teil I enthält eine Erläuterung der Strophen des Buches Dzyan und einen Vergleich mit den Kosmologien der Völker.
Teil II befasst sich mit den grundlegenden Symbolen der großen Weltreligionen und der okkulten Bedeutung altüberlieferter Ideogramme und Hieroglyphen (u. a. Kreuz, Svastika).

Teil III bringt eine Gegenüberstellung mit der Wissenschaft. Lehren der Weisheitsreligion werden mit den damaligen Postulaten der Wissenschaft verglichen, hauptsächlich denen der Anthropologie und der Geologie. In ihrer Kritik an der damaligen Wissenschaft nimmt Blavatsky

 

Interessanterweise die bahnbrechenden Erkenntnisse der neueren Physik voraus: Gegenüber der herrschenden Meinung vertrat sie folgendes: Teilbarkeit und ständige Bewegung der Atome - Materie und Energie sind ineinander umwandelbar - Materie ist eine Zustandsform der Energie.
 
1 Echoes of the Orient, Bd. I, S. 237. Es versteht sich von selbst, dass diese Mahatmas nicht mit den Gestalten und Karikaturen zu verwechseln sind, die heutzutage auf esoterischen Bühnen paradieren. Siehe auch „Die großen Weisen" in Theosophie heute 3/2002..
 
2Vernon Harrison „ J'accuse, An Examination of the Hodgson Report of 1885", Journal of the Society for Psychical Research, London, April 1986, S. 309f
 
3Vgl. die Forschungen von David Reigle in der Studienausgabe der Geheimlehre a.a.O. S. 530 ff.
 

 

 



Autor: Charlotte Wegner