Immanuel Kant

Rationalist und Alleszermalmer -

auch ein Zermalmer des theosophischen Weltbildes?

 
 
Dr. Bernhard Prediger
 
 
 
 
 
Dieser Vortrag wurde im August 2004 vom
 
Verfasser während der Sommertagung der
 
Theosophischen Gesellschaft in Deutschland
 
in Calw gehalten.
 
 

"Acht Quartbände voller Unsinn " - Kants Urteil über Swedenborg

Immanuel Kants Abhandlung Träume eines Geistersehers, in der er sich mit dem großen europäischen Weisen und Seher Emanuel Swedenborg und dessen Lehren befasst, gilt für die Aufklärungsphilosophie als das Schwert, mit dem jeder Art unsinnigen Geisterglaubens endgültig der Kopf abge­schlagen worden ist. Und in der Tat schreibt Kant sogleich am Beginne dieser Abhandlung:
„Das Schattenreich ist das Paradies der Phantasten ... Hypochondrische Dünste, Ammenmärchen und Klosterwunder lassen es ihm an Bauzeug nicht fehlen ... Nur das heilige Rom hat daselbst einträgliche Provinzen ... Dergleichen Rechtsame des Geisterreichs ... erheben sich weit über alle ohnmächtigen Einwürfe der Schulweisen ... Welcher Philosoph hat nicht einmal zwischen den Beteuerungen eines vernünftigen ... Augen­zeugen und der inneren Gegenwehr eines unüberwindlichen Zweifels die einfältigste Figur gemacht. Soll er die Richtigkeit aller solcher Geister­erscheinungen gänzlich ableugnen? ..." (Seite 5)
„In welche erstaunlichen Folgen sieht man hinaus, wenn auch nur eine solche Begebenheit als bewiesen vorausgesetzt werden könnte? ... ... Der Verfasser dieser Schrift ... bekennt mit einer gewissen Demüti­gung, dass er so treuherzig war, der Wahrheit einiger Erzählungen... nachzuspüren. Er fand - wie gemeiniglich, wo man nichts zu suchen hat - er fand nichts. Nun ist dieses ... schon eine hinlängliche Ursache, ein Buch zu schreiben; allein es kam ... hinzu ... das ungestüme An­halten bekannter und unbekannter Freunde. Über dem war ein großes Werk (gemeint ist das Werk Swedenborgs, das viele Bände umfasst) gekauft und, welches noch schlimmer ist, gelesen worden, und diese Mühe sollte nicht verloren sein. Daraus entstand nun die gegenwärtige Abhandlung ..." (Seite 6)
Auf Seite 65 ff. zieht Kant eine Art Zwischenbilanz der von ihm bis dahin
angestellten Überlegungen, in dem er schreibt:
„Ich komme zu meinem Zwecke, nämlich den Schriften meines Helden. ... Das große Werk dieses Schriftstellers enthält acht Quartbände voll Unsinn, welche er unter dem Titel arcana caelestia der Welt als neue Offenbarung vorlegt ... Der Stil des Verfassers ist platt, seine Erzählun­gen ... scheinen in der Tat aus fanatischem Anschein entsprungen zu sein und geben gar wenig Verdacht, dass spekulative Hirngespinste einer verkehrt grübelnden Vernunft ihn bewogen haben sollten, dieselbe zu erdichten und zum Betruge anzulegen ..."
Das heißt zu deutsch: Die Art Swedenborgs zu schreiben, lässt immerhin darauf schließen, dass er zwar ein Fanatiker, aber kein Betrüger ist, sondern selbst an das glaubt, was er schreibt.
 
Nach dieser nur geringfügigen Entlastung Swedenborgs, mit der ihm zwar Einfalt, aber auch Gutwilligkeit bescheinigt wird, schreibt dann Kant gegen Ende der Abhandlung, das Anfangsurteil aufgreifend und vertiefend:
„Ich bin es müde, die wilden Hirngespinste des ärgsten Schwärmers unter allen zu kopieren, oder solche bis zu seinen Beschreibungen vom Zustand nach dem Tode fortzusetzen ..."
Und an anderer Stelle fällt Kant das Urteil des von ihm angeführten Rationa­lismus über jede Art behaupteten Sehertums wie folgt:
„Wenn ein hypochondrischer Wind in den Eingeweiden tobt, so kommt es darauf an, welche Richtung er nimmt; geht er abwärts, so wird daraus ein Furz, steigt er aber aufwärts, so ist es eine Erscheinung oder eine heilige Eingebung."
Wer vom theosophischen Weltbild her mit Shakespeare der Auffassung ist, dass es viele Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen lässt, dem stellen sich schon irgendwie die Seelenhaare auf, wenn er das liest, aber irgendwo und irgendwie will er doch wissen, mit welchen Gründen im einzelnen Kant zu solchem Urteil meinte kommen zu müssen. Denn irgendwo steckt ja doch in jedem von uns eine Art „ungläubiger Thomas", und wenn sich viele dieses Zuschnitts zu einem Thomaner-Chor zusammenfinden, mag es doch zumindest im Sinne einer Über­prüfung der eigenen Auffassung interessant erscheinen, diesen - natürlich rationalen - Gründen nachzuforschen. Tun auch wir dies also, schauen wir, was er sagt - unser Philosoph von der Geisterwelt - und machen wir uns auf eine Erschütterung unseres theosophischen Weltbildes gefasst.

Aus den Überlegungen Kants zur Begründung seines Urteils in den „Träumen "

Irgendwann hat der eine oder andere von uns im Laufe seiner Entwicklung schon einmal den Gedanken gehabt, dass es doch recht ungereimt erscheint, einerseits jede Art von Geisterglauben abzulehnen, andererseits aber zu mei­nen, der Mensch habe eine Seele, die nach seinem körperlichen Tode fortbe­stehe. Deshalb überrascht es ihn keineswegs, bei Kant a. a. O. zu lesen:
„Ein Geist, heißt es, ist ein Wesen, welches Vernunft hat. So ist es denn also keine Wundergabe, Geister zu sehen; denn, wer Menschen sieht, der sieht Wesen, die Vernunft haben. Allein dieses Wesen, was im Menschen Vernunft hat, ist nur ein Teil vom Menschen, und dieser Teil, der ihn belebt, ist ein Geist..." (Seite 7)
Und etwas weiter schreibt Kant:
„Ich gestehe, dass ich sehr geneigt bin, das Dasein immaterieller Naturen in der Welt zu behaupten und meine Seele selbst in die Klasse dieser Wesen zu versetzen. Der Grund hiervon, der mir selbst sehr dunkel ist, ... trifft zugleich auf das empfindende Wesen in den Tieren. Was in der Welt ein Prinzipium des Lebens enthält, scheint immaterieller Natur zu sein ..." (Seite 18/19)
Und zwei Seiten weiter schreibt Kant:
„Wenn man seine Achtsamkeit auf diejenige Art Wesen richtet, welche den Grund des Lebens ... enthalten so wird man ... mit der Vorempfindung eines nicht ungeübten Verstandes sich von dem Dasein immaterieller Wesen überredet finden, deren besondere Wirkungsgesetze pneumatisch ... genannt werden. Da diese immateriellen Wesen selbständige Prinzipien sind, ... so ist diejenige Folge, auf die man am nächsten gerät, diese: Dass sie untereinander unmittelbar vereinigt, viel­leicht ein großes Ganzes ausmachen mögen, welches man die immateriale Welt... nennen kann ... Diese immaterielle Welt kann also als ein vor sich bestehendes Ganzes angesehen werden, deren Teile untereinander in wechselseitiger Verknüpfung stehen, auch ohne Vermittlung körperlicher Dinge und jederzeit untereinander als immaterielle Wesen wechselseitige Einflüsse ausüben ... So gedenkt man sich ein großes Ganzes der immateriellen Welt; eine unermessliche, aber unbekannte Stufenfolge von Wesen und tätigen Naturen, durch welche der tote Stoff der Körperwelt allein belebt wird. ...
So würde denn also die immaterielle Welt zuerst alle erschaffene Intel­ligenzen, deren einige mit der Materie zu einer Person verbunden sein, andere aber nicht, sich befassen. Die menschliche Seele würde daher schon in dem gegenwärtigen Leben als verknüpft mit zwei Welten zu­gleich müssen angesehen werden, von welchen sie ... die materielle allein klar empfindet, dagegen als ein Glied der Geisterwelt die ... Einflüsse immaterieller Natur empfängt und erteilet, so dass, sobald jede Verbindung aufgehört hat, die Gemeinschaft, darin sie jederzeit mit geistigen Naturen steht, allein übrig bleibt und sich ihrem Bewusstsein zu klarem Anschauen eröffnen müsste ..."

Statt einer Urteilsbegründung: Eine Geisterwelt muss es eigentlich geben

Jeder theosophisch etwas Vorgebildete, der dies liest, wird sich sagen, das alles klingt doch aufregend vernünftig und widerspricht in keinem Punkte theosophischer Lehre. Und wenn dies alles so ist, wie kommt Immanuel Kant dann zu dem eingangs dargestellten und mehr oder weniger vernichten­den Urteil über Swedenborg? Lassen wir diese Frage an dieser Stelle dahin­gestellt und gehen weiter.

Kants Erkenntnistheorie und theosophisches Weltbild: kein Wider­spruch

Die Bedeutung Kants in der Philosophie-Geschichte wird ja mit Recht insbesondere darin gesehen, dass er die Erkenntnistheorie in den Mittelpunkt seiner philosophischen Bemühungen gestellt, also die Frage behandelt hat, was der Mensch überhaupt erkennen könne und wo die Grenzen dieser Er­kenntnis liegen. Sein Urteil in diesem Punkte ist klar: Die Mittel der Erkenntnis des Menschen seien seine Sinne, davon habe er fünf, und da seine Sinneserfahrung begrenzt sei, ende an eben dieser Grenze auch seine Erkenntnismöglichkeit. Und da Kant außerdem erkannte, dass unsere Sinne die Welt in uns nur abbilden, sei es ein zwar naheliegender aber keineswegs zwingender Schluss, die Welt sei wirklich so, wie sie uns in diesen inneren Bildern erscheine. Wenn wir von der Welt sprechen, so könnten wir daher immer nur von dem sprechen, wie sie uns erscheine, nicht aber, wie sie wirklich sei. Was dahinter steckt, was also diese Weltbilder in uns erzeuge, dieses Ding an sich, darüber könne man nichts sagen.
 
Vom theosophischen Weltbild her betrachtet, ist hierzu zweierlei zu sagen: Natürlich findet der theosophisch Vorgebildete in der Lehre Kants von der Erscheinungshaftigkeit der Welt das wieder, was er aus der östlichen Weisheitslehre als Maya-Lehre kennt. (Vgl. Blavatsky, Vorwort zur Geheim­lehre, S. 103 ff. dieses Heftes)
Des weiteren: Nach der Lehre von der siebenfältigen Konstitution des Men­schen sind zwar im Menschen im allgemeinen nur die von Kant herangezoge­nen fünf Sinne in Tätigkeit. Im Menschen angelegt sind aber noch weitere Sinne ganz anderer Art, die ihn über seine derzeitigen Wahrnehmungsmög­lichkeiten hinausheben und zu deren Entwicklung er bestimmt ist. Ansatz­weise ist dies auch Kant zumindest als Möglichkeit plausibel, denn er schreibt:
„Es wird künftig, ich weiß nicht wo und wann, noch bewiesen werden, dass die menschliche Seele auch in diesem Leben in einer unauflöslich verknüpften Gemeinschaft mit allen immateriellen Naturen der Geister­welt stehe, dass sie wechselweise in diese wirke und von ihnen Eindrücke empfange ..." (Seite 26/27)
Und noch etwas weiter schreibt Kant, das Vorige bestätigend:
„Es würde schön sein, wenn eine dergleichen systematische Verfassung der Geisterwelt ... aus irgendeiner wirklichen und allgemein zugestan­denen Beobachtung könnte geschlossen, oder auch nur wahrscheinlich vermutet werden." (Seite 27)

Ohne jenseitige Welt keine Ethik und Moral

Im Folgenden betont Kant immer wieder und in eindrucksvoll klaren For­mulierungen, dass das, was den Menschen auszeichnet und ihm seine Würde gibt, nämlich die in ihm wirksamen sittlichen Antriebe zum Guten, ohne die Annahme einer in ihm wirksamen geistigen Welt nicht sinnvoll gedacht wer­den kann. So schreibt er, in dem er zugleich Erfahrungsgründe für diese An­nahme in seine Formulierungen mit einfließen lässt:
„Wenn wir äußere Dinge auf unsere Bedürfnisse beziehen, so können wir dies nicht tun, ohne uns zugleich durch eine gewisse Empfindung gebunden und eingeschränkt zu fühlen, die uns merken lässt, dass in uns gleichsam ein fremder Wille wirksam sei... eine geheime Macht nötiget uns, unsere Absicht zugleich auf anderer Wohl oder nach fremder Willkür zu richten, ob dieses gleich öfters ungern geschieht und der eigennützigen Neigung stark widerstreitet. ...
 
... Es sind noch Kräfte, die uns bewegen, in dem Wollen anderer außer uns. Daher entspringen die sittlichen Antriebe ... , das starke Gesetz der Schuldigkeit und das schwächere der Gütigkeit, deren jedes uns manche Aufopferung abringt ... Dadurch sehen wir uns in den geheimsten Beweggründen abhängig von der Regel des allgemeinen Willens, und es entspringt daraus in der Welt aller denkenden Naturen eine moralische Einheit ... nach bloß geistigen Gesetzen. Will man diese in uns empfundene Nötigung unseres Willens ... das sittliche Gefühl nennen, so redet man davon nur als von einer Erscheinung dessen, was in uns wirklich vorgeht, ohne die Ursache derselben auszumachen. So nannte Newton das sichere Gesetz der Bestrebungen aller Materie, sich einander zu nähern, die Gravitation derselben.
 
Sollte es nicht möglich sein, die Erscheinung der sittlichen Antriebe in den denkenden Naturen ... gleichfalls als die Folge einer wahrhaftig tätigen Kraft, dadurch geistige Naturen ineinander einfließend, vorzustel­len, so dass das sittliche Gefühl diese empfundene Abhängigkeit des Privatwillens vom allgemeinen Willen wäre ... ?" (Seite 29/30)
„Alle Moralität der Handlungen kann nach der Ordnung der Natur niemals ihre vollständige Wirkung in dem leiblichen Leben des Menschen haben, wohl aber in der Geisterwelt nach pneumatischen Gesetzen ... Denn weil das Sittliche der Tat den inneren Zustand des Geistes betrifft, so kann es auch natürlicher Weise nur in der unmittelbaren Gemeinschaft der Geister die der ganzen Moralität adäquate Wirkung nach sich ziehen. Dadurch würde es nun geschehen, dass die Seele des Menschen schon in diesem Leben dem sittlichen Zustand zufolge ihre Stelle unter den gei­stigen Substanzen des Universums einnehmen müsste ... Die aus dem Grund der Moralität entspringenden Wechselwirkungen des Menschen und der Geisterwelt nach den Gesetzen des pneumatischen Einflusses könnte man darin setzen, dass daraus natürlicherweise eine nähere Gemeinschaft einer guten oder bösen Seele mit guten oder bösen Geistern entspringe und jene dadurch sich selbst dem Teile der geistigen Republik zugesellten, die ihrer sittlichen Beschaffenheit gemäß ist, mit ... allen Folgen, die daraus nach der Ordnung der Natur entstehen mögen." (Seite 30/31)

Statt einer Begründung des Ausgangsurteils: Weitgehende Bestätigung theosophischer Auffassungen

Wir reiben uns die Augen angesichts der Eingangszitate Kants über Sweden­borg, denn die Ausführungen Kants entwerfen uns ein Weltbild, das dem so­genannten theosophischen Weltbild vollständig entspricht. Franz Hartmann insbesondere weist darauf hin, dass die Seele nach dem Tode in einem automatischen Vorgang in den Bereich der geistigen Welt gravitiert, in den sie gehört, der ihr gemäß ist. Auch er stellt die Gravitationskraft in eine deutliche Parallele zur Liebe Gottes, die er beide als verschiedene Funk­tionsweisen ein und derselben Kraft ansieht, der Kraft nämlich, die die Welt im Innersten zusammenhält.
Noch erstaunlicher für eine Schrift, die nach ihrer Exposition darauf an­gelegt sein will, mit jedem Aberglauben an eine Geisterwelt endgültig aufzu­räumen, findet sich auf Seite 33 folgender Satz Kants:
„Wenn es sich mit der Geisterwelt und dem Anteile, den unsere Seele an ihr hat, so verhält ... , so scheinet fast nichts befremdlicher zu sein, als dass die Geistergemeinschaft nicht eine ganz allgemeine und gewöhnliche Sache ist, und das Außerordentliche betrifft fast mehr die Seltenheit der Erscheinungen als die Möglichkeit derselben ..."
Diesen Gedanken aufgreifend und bestätigend schreibt Kant:
„Die ... Ungleichartigkeit der geistigen Vorstellungen und derer, die zum leiblichen Leben des Menschen gehören, darf indessen nicht als ein so großes Hindernis angesehen werden, dass sie alle Möglichkeit aufhebe, sich bisweilen der Einflüsse von Seiten der Geisterwelt sogar in diesem Leben bewusst zu werden." (Seite 34)
Auf Seite 36 heißt es dann hieran anknüpfend:
„Diese Art der Erscheinungen kann gleichwohl nicht etwas Gemeines und Gewöhnliches sein, sondern sich nur bei Personen ereignen, deren Organe eine ungewöhnlich hohe Reizbarkeit haben ..."

Warum sollte man sich gleichwohl mit der Geisterwelt nicht befassen?

Nach alledem kann nun wirklich kein vernünftiger Zweifel mehr daran beste­hen, dass Kant von einer neben der sinnlich wahrnehmbaren Welt bestehen­den geistigen Welt ausgeht und von Bewohnern darin, zu denen auch die menschlichen Seelen zu rechnen sind. Im Nachfolgenden aber endlich nennt Kant seinen Grund, weshalb er es für mehr oder weniger unsinnig hält, sich mit dieser Art Dingen zu sehr zu beschäftigen. Er schreibt hierzu:
„Man wird aber auch zugeben, dass die Eigenschaft auf solche Weise die Eindrücke der Geisterwelt in diesem Leben zum klaren Anschauen auszuentwickeln, schwerlich wozu nützen könne; weil dabei die geistige Empfindung notwendig so genau in das Hirngespinst der Einbildung verwebt wird, dass es unmöglich sein muss, in derselben das Wahre von den groben Blendwerken, die es umgeben, zu unterscheiden." (Seite 37)
In einfaches Deutsch übertragen heißt dies: Was soll ich mich mit der Gei­sterwelt befassen, wenn ich doch nicht wissen kann, ob das, was ich dort erlebe, real ist oder nur ein Produkt meiner Phantasie!? Diesen Gedanken vertieft Kant noch auf Seite 37/38, wo er schreibt:
„Abgeschiedene Seelen und reine Geister können zwar niemals unseren äußeren Sinnen gegenwärtig sein, ... aber wohl auf den Geist des Men­schen, der mit ihnen zu einer großen Republik gehört, wirken, so dass die Vorstellungen, welche sie in ihm erwecken, sich ... in verwandte Bilder einkleiden ... Diese Täuschung kann einen jeden Sinn betreffen, und so sehr dieselbe auch mit ungereimten Hirngespinsten untermengt wäre, so dürfte man sich dieses [= davon] nicht abhalten lassen, hierunter geistige Einflüsse zu vermuten ... Wenn indessen die Vorteile und Nachteile ineinander gerechnet werden, die demjenigen erwachsen können, der nicht allein für die sichtbare Welt, sondern auch für die unsichtbare in gewissem Grade organisiert ist (sofern es jemals einen solchen gegeben hat), so scheint ein Geschenk von dieser Art demjenigen gleich zu sein, womit Juno den Tiresias beehrte, die ihn zuvor blind machte, damit sie ihm die Gabe zu weissagen erteilen könnte. Denn, nach den obigen Sät­zen zu urteilen, kann die anschauende Kenntnis der andern Welt all hier nur erlangt werden, indem man etwas von demjenigen Verstande einbüßt, welchen man für die gegenwärtige nötig hat."
Kant zitiert hier die ihm bekannte Geschichte von Juno und Tiresias, um deutlich zu machen, dass man sich für eine solche Gabe am besten doch bedanken sollte, die einem eine geschätzte und sichere Fähigkeit nehme, um sie durch eine andere, wahrscheinlich zweifelhafte, zu ersetzen. Wichtiger und richtiger in diesem Zusammenhang wäre es aber wohl gewesen, wenn Kant aus der genannten Geschichte die Schlussfolgerung gezogen hätte, die sie nahe legt, nämlich diese: Solange uns unsere fünf Sinne an diese mate­rielle Welt fesseln, können wir die geistige Welt nicht wahrnehmen, genauso wenig, wie wir die Sterne sehen können, solange die Sonne scheint. Diesem Weisheitsgehalt der zitierten Geschichte spürt Kant an dieser Stelle leider nicht weiter nach, sondern geht mehr oder weniger selbstverständlich davon aus, der Mensch habe sich unter allen Umständen an die Welt zu halten, die ihm seine fünf Sinne zeigen.

Auch hier keine Abweichung von theosophischer Lehre

Das Bisherige zusammenfassend können wir Folgendes feststellen: Nach dem mehr oder weniger vernichtenden Ausgangsurteil Kants über die Glaubwürdigkeit von Swedenborg kommen seine nachfolgenden Untersu­chungen zu dem Ergebnis, dass es dem an seine fünf Sinne gebundenen menschlichen Geist grundsätzlich verwehrt sei, über die geistige Welt und etwaige Bewohner darin gesicherte Aussagen zu machen. Festzuhalten ist aber, dass Kant andererseits mehr oder weniger selbstverständlich davon ausgeht, dass es neben der sichtbaren materiellen Welt eine geistige Welt gibt mit durchaus unterschiedlichen Bewohnern darin, zu denen auch die menschlichen wie auch die tierischen Seelen gehören. Weil wir als an unsere Sinne gebundene Wesen aber nie genaue Feststellungen hierüber treffen können, sollten wir es tunlichst unterlassen, uns damit zu befassen, weshalb Kant dann auch ganz am Ende seiner Abhandlung noch zusammenfassend schreibt:
„Den Wissbegierigen kann man den einfältigen, aber sehr natürlichen Be­scheid geben, dass es wohl am ratsamsten sei, wenn sie sich zu gedulden beliebten, bis sie werden dahin kommen. Da aber unser Schicksal in der künftigen Welt vermutlich sehr darauf ankommen mag, wie wir unsern Posten in der gegenwärtigen verwaltet haben, so schließe ich mit demjeni­gen, was Voltaire seinen ehrlichen Candide ... zum Beschlusse sagen lässt: Lasst uns unser Glück besorgen, in den Garten gehen, und arbeiten."

Was bleibt: Ungereimtheit zwischen Urteil und Begründung - wer war eigentlich Swedenborg?

Um nun auf unsere Frage nach dem Zustandekommen von Kants Urteil über Swedenborg zurückzukommen, so hätten wir nach allem, was wir an Origi­naltext von Kant bisher gehört haben, eigentlich erwarten können, dass es Kant bei Swedenborg unentschieden lassen würde, ob dieser nun als Phantast oder als ernst zu nehmender Seher zu beurteilen sei. Wie wir eingangs aber bereits gehört haben, kommt Kant zu einem abschließenden Gesamturteil, das nun gar nicht recht zu dem passen will, was er zu seiner Begründung im einzelnen anführt. Ja er hält sogar, wie wir gesehen haben, Wesen für mög­lich, die „nicht allein für die sichtbare Welt, sondern auch für die unsicht­bare in gewissem Grade organisiert sind." Nach alledem stellt sich das Urteil Kants über Swedenborg als eigenartig und durchaus ungereimt dar, etwas, das zu dem Klardenker der Nation letztlich so gar nicht passen will. Es ist vielleicht gut, an dieser Stelle etwas zu Swedenborg zu sagen, der ja nun wahrlich nicht irgendwer, sondern eine der bekanntesten Persönlichkeiten seiner Zeit war.
 
Er wurde 1688 als Sohn des Hofpredigers Swedberg in Stockholm gebo­ren. Im Jahre 1719 wurde die Familie unter dem Namen Swedenborg geadelt. Sein Leib ruht in der Kathedrale in Uppsala neben den schwedischen Königen, Bischöfen und Fürsten der Wissenschaft. Bis 1744 war er auf vielen Gebieten wissenschaftlich und praktisch erfolgreich. Er gehörte der Petersburger und Stockholmer Akademie der Wissenschaften an. Als Mathematiker, Chemi­ker, Physiker, Astronom, Geologe, Biologe, Physiologe und Psychologe, In­genieur und Erfinder war er schöpferisch tätig. Er nahm Erkenntnisse des 19. und 20. Jahrhunderts vorweg, so die Atomtheorie, die Nebulartheorie (21 Jahre vor Kant), die Wellentheorie des Lichtes. Auf vielen Reisen durch ganz Europa bildete er sich, seine Werke erschienen in London und Amsterdam. Er sprach die europäischen, antiken und mehrere orientalische Sprachen. Mit Karl XII. war er eng befreundet. Emerson sagt von Swedenborg: „Sein geistiges Übergewicht würde alle Professoren einer Universität verstummen machen. Sein eminenter Geist ragt hoch über alle Zeiten." Starken Einfluss übte er aus auf Oetinger, Lavater, auf Goethe, Schopenhauer, auf die Roman­tiker, besonders Schelling, Novalis, Jean Paul, auf Balzac, Baudelaire und Strindberg, Bismarck, Helen Keller und Rudolf Steiner. (Sinngemäß zitiert aus Gerhard Gollwitzer, Die durchsichtige Welt, Ein Swedenborg Brevier, Zürich 1962.)
 
Auch H. P. B. bezeichnet Swedenborg in ihrer Geheimlehre(Gesamtaus­gabe, Bd. III, S. 425) als großen Schüler der Theosophie, als einen Mann von unleugbar anerkannter Ehrlichkeit, dessen Wissen in Mathematik, Astrono­mie, den Naturwissenschaften und der Philosophie seiner Zeit weit voraus war und dessen Wert daher nicht genug geschätzt werden könne. Seine Se­hergabe setzte erst mit dem 46. Lebensjahre ein und ist umfangreich doku­mentiert, vgl. z. B. die von Kant selbst in den Träumen eines Geistersehers zutreffend wiedergegebenen Beispiele. Weitere Beispiele gibt Kant in seinem berühmten Brief an ein Fräulein von Knobloch, abgedruckt in der Reclamausgabe der Träume eines Geistersehers, aus der hier zitiert wird.

Revision des Urteils über Swedenborg: Kants "Vorlesungen über Psychologie"

Rückblickend können wir feststellen: Das Werturteil Kants über die Person Swedenborgs, das wir bisher kennen, passt weder zu der von ihm selbst gegebenen Begründung, noch zu dem, was andere große Geister über Swedenborg gedacht haben. Man kann sich eigentlich schlecht vorstellen, dass es für einen so redlichen und umfassend systematischen Geist, wie wir ihn bei Kant unterstellen dürfen, dabei sein Bewenden gehabt haben soll, noch dazu angesichts der Tatsache, dass es sich bei den Träumen um eine recht frühe Schrift Kants handelt. Durchforstet man den offiziellen Teil des Kantschen Werkes, so wird man allerdings diesbezüglich nichts finden, was auf einen Sinneswandel Kants bezüglich Swedenborg deutlich schließen ließe. Wohl aber findet man solches in einem der Schulphilosophie offenbar weitgehend unbekannten, in jedem Falle aber nur wenig beachteten und gewürdigten Teil seines Werkes, nämlich in Immanuel Kants Vorlesungen über Psychologie, erstmals gedruckt im Jahre 1889 im Verlag Ernst Günther, Leipzig, und neu herausgegeben im Jahre 1964 im Rudolf-Fischer-Verlag, Pforzheim, mit einer Einleitung von Carl du Prel über Kants mystische Welt­anschauung - ein Buch, das heute leider vergriffen und nur noch antiquarisch zu erwerben ist. In der Gesamtausgabe seines Werkes sind diese Vorlesun­gen nicht enthalten - ein durchaus erstaunlicher Umstand angesichts der Akribie, mit der die Schulwissenschaft Kant-Texte ansonsten behandelt.
 
Wenden wir uns also den in den Vorlesungen enthaltenen Ausführungen Kants zu, insbesondere darüber, was es mit der Seele des Menschen auf sich habe, was mit dem Tode sei und ob es eine jenseitige Welt gebe, wobei ein Bezug zu Swedenborg zunächst noch nicht hergestellt wird. Wir befolgen dabei die gleiche Methode, die wir auch bislang angewendet haben, indem wir uns bemühen, in Form ausgewählter Zitate Kant selbst zu Wort kommen zu lassen.

Was ist der Mensch: Seele oder Körper?

Zunächst wendet sich Kant dem Leib-Seele-Problem zu und schreibt
hierüber auf Seite 75:
„Ich sage nicht, ich bin ein Körper, sondern: Das an mir ist, ist ein Körper. Diese Intelligenz, die mit dem Körper verbunden ist und den Menschen ausmacht, heißt Seele; aber allein betrachtet, heißt sie Intelligenz ... Ich als Seele werde vom Körper determiniert, ... ich als Intelligenz bin an keinem Ort; denn der Ort ist eine Relation der äußeren Anschauung; als Intelligenz aber bin ich kein äußerer Gegenstand, der in Ansehung der Relation bestimmt werden kann. Mein Ort in der Welt wird also durch den Ort meines Körpers in der Welt bestimmt; denn was erscheinen und in äußerer Relation stehen soll, muss ein Körper sein ... Es kann ein Mensch viele von seinen Gliedern verlieren, deswegen bleibt er doch und kann sagen: Ich bin. Der Fuß gehört ihm. Ist er aber abgesägt, so sieht er ihn ebenso an, als jede andere Sache, die er nicht mehr gebrauchen kann, wie einen alten Stiefel, den er wegwerfen muss. Er selbst aber bleibt immer unverändert, und sein denkendes Ich verliert nichts. Es sieht also jeder leicht ein, auch durch den gemeinsten Verstand, dass er eine Seele habe, die vom Körper unterschieden ist."
Wir sehen an dieser Textstelle sehr schön den Philosophen Kant bei der Arbeit, und das Werkzeug, mit dem er arbeitet, ist die Ratio. Und er spricht damit natürlich unmittelbar den Rationalisten in uns allen an. Eines aber können wir aus dieser Textstelle bereits ebenso sicher erkennen: Kant ist zwar ein Rationalist, aber er ist unter gar keinen Umständen ein Materialist. Dies wird weiter deutlich, wenn er schreibt:
„Ich als Intelligenz bin ein Wesen, das denkt und das will. Das Denken und Wollen kann aber nicht angeschaut werden; also bin ich auch kein Objekt der äußerlichen Anschauung. Was aber kein Objekt der äußeren Anschauung ist, das ist immateriell." (Seite 76)
Hier erkennt Kant das Denken und das Wollen als die zentralen Bestandteile der menschlichen Seele, ein Gedanke, der dann von Schopenhauer aufge­griffen und weiter differenziert wird. Auffällig ist an dieser Stelle, dass Kant das Fühlen nicht nennt.

Kant über den Schatz der Seele: das Nichtbewusste

In seinen weiteren Überlegungen wendet sich Kant dann dem Nicht­bewussten des Menschen zu, als dem Teil der Seele, der zwar vorhanden, gleichwohl dem Oberbewusstsein des Menschen nicht oder jedenfalls nicht ohne weiteres zugänglich ist. Er tut dies, indem er zunächst Leibniz wie folgt zitiert:
„Der größte Schatz der Seele besteht in dunklen Vorstellungen, welche nur durch das Bewusstsein der Seele deutlich werden. Wenn wir uns aller unserer dunklen Vorstellungen des ganzen Umfangs der Seele möchten auf einmal unmittelbar durch ein übernatürliches Verhältnis bewusst werden, so müssten wir über uns selbst und über den Schatz in unserer Seele erstaunen, welchen Reichtum sie von Erkenntnissen an sich enthält." (Seite 77)
Mit eigenen Überlegungen führt dies Kant dann so aus:
„... alles was in der Metaphysik und Moral gelehrt wird, das weiß schon ein jeder Mensch; nur war er sich dessen nicht bewusst; und der uns sol­ches erklärt und vorträgt, sagt uns eigentlich nichts Neues, was wir noch nicht gewusst hätten, sondern er macht nur, dass ich mir dessen, was schon in mir war, bewusst werde. Würde Gott auf einmal unmittelbar Licht in unsere Seele bringen, dass wir uns aller unserer Vorstellungen könnten bewusst sein, so würden wir alle Weltkörper ganz klar und deut­lich sehen, ebenso, als wenn wir sie vor Augen hätten. Wenn demnach im künftigen Leben unsere Seele sich aller ihrer dunklen Vorstellungen be­wusst sein wird, so wird der Gelehrteste nicht weiterkommen, als der Ungelehrteste; nur dass sich der Gelehrte schon hier etwas mehreren bewusst ist. Wenn aber in beider Seelen ein Licht aufgehen wird, so sind sie beide gleich klar und deutlich. Es liegt also im Felde der dunklen Vorstellungen ein Schatz, der den tiefen Abgrund der menschlichen Erkenntnisse ausmacht, den wir nicht erreichen können." (Seite 78)

Und wieder: Volle Übereinstimmung mit theosophischer Lehre

Hier wird in einfachen und klaren Worten - was übrigens die Qualität der Vorlesungstexte Kants gegenüber seinen früheren Texten vornehmlich ausmacht - das ausgeführt und differenziert, was man in theosophischen Texten meint, wenn man von der Reichweite der menschlichen Seele spricht. Auch wird das schon klar angedeutet, was unter Erleuchtung des Menschen eigentlich zu verstehen ist, als Endstadium des menschlichen Erkenntnispro­zesses, um den wir uns alle bemühen. Und schließlich und vor allem macht Kant klar, dass alles Erkennen im Grunde Erinnern ist an etwas, was wir - im Grunde eben - schon wissen. Nichts anderes sagt die theosophische Lehre.
Im folgenden Heft (1/2005) wird der zweite (letzte) Teil dieses Vortrags abgedruckt, in dem berichtet wird, wie Kant über die "Seele des Menschen" referiert und zur Frage des Lebens der Seele nach dem Tode" Stellung nimmt. Er kommt dabei zu einer völlig anderen Beurteilung von Swedenborg als bisher und äußert interessante Gedanken, die weitgehende Übereinstimmung mit den damals noch nicht allgemein bekannten Grundpositionen der Theosophie erkennen lassen. (Red.)
 
 


Autor: Dr. Bernhard Prediger