MENSCHHEITSENTWICKLUNG UND RELIGION

In der Menschheitsentwicklung unterscheidet die esoterische Tradition verschiedene Perioden: zuerst zwei Perioden der Involution (in etwa Einfaltung, Rückbildung), in der der die göttlichen Geistesfunken (vgl. Kap. 2) von den schöpferischen Kräften des Kosmos nach außen getragen und in die psychische und vitalmagnetische Schicht der Erde gehüllt werden.
 
In der dritten (in okkulten Büchern manchmal „lemurisch“ genannten) Periode, die viele Millionen Jahre zurückliegt, erfolgte erstmals eine dichtphysische Verkörperung in Tierformen, die für die Weiterentwicklung zum Menschen geeignet waren. In der folgenden vierten Periode (die manchmal die „atlantische“ genannt wird) wurden die Grundlagen für die Entfaltung einer bewussten Psyche gelegt und die ersten Ansätze zu einer Sprache entwickelt. Erst die derzeitige fünfte Periode, deren Anfänge aber auch schon Hundertausende Jahre zurückliegen, hat sich ein eigentliches Ichbewusstsein entfaltet. Dieses war zunächst vorwiegend emotioneller Natur und demgemäß immer noch stark dem Kollektiven verbunden; erst in geschichtlicher Zeit begann sich der mentale Aspekt der Psyche auch bei den breiten Massen der Menschheit zu entfalten, so dass der Mensch im eigentlichen Sinne des Wortes, wie wir ihn heute kennen, entstand. (Anm. des Autors: Eine ausführliche Darstellung dieser Entwicklung findet sich in den ‚Stanzen des Dzyan‘ und den zugehörigen Kommentaren, insbesondere der ‚Geheimlehre‘ von H.P. Blavatsky.)
 
Die für die Entwicklung der Psyche wesentlichen Kräfte entstammen der Welt des Geistes. Sie bewusst wahrzunehmen ist daher nur solchen Menschen möglich, deren Bewusstsein bereits bis zur brücke zwischen Psyche und Geist erweckt ist. Für die anderen Menschen sind sie nur erahnbar.
 
Daher war für die Menschheit in den Anfangsstufen unserer Rasse die Belehrung durch Vorgeschrittenere die wesentlichste Hilfe für ihre Entfaltung. Denn die geistigen Lebensregeln konnten ihnen nur durch Symbole und Belehrungen verständlich gemacht werden. Hierin lag die Aufgabe der Religionen in der Vergangenheit.

Sowohl in Indien als auch in Ägypten waren die Angehörigen der Priesterkaste zugleich die einzigen Menschen, deren Psyche auch im Mentalen (Anm. der Red.: Mental=aus Gedanken hervorgegangen, die Geistesart und das Denkvermögen betreffend) schon voll entfaltet war. Die Priester waren so zugleich die ersten Wissenschaftler. Sie gaben dem Volk von ihrem Wissen so viel, wie sie für gut hielten, zum Teil als unverschlüsseltes Wissen, zum größten Teil aber in religiös-symbolischer Form. Dadurch hielten sie das Volk zugleich in ihrer Abhängigkeit.

Eine selbständige, von der Religion unabhängige Wissenschaft entwickelte sich zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte in Griechenland. Diese Entwicklung setzte sich nach einem Rückfall in dem „dunklen Jahrtausend“ des Mittelalters in verstärktem Maße in der europäischen Renaissance fort.

In der Gegenwart (i.e. um.1972; die Red.) beginnt die Wissenschaft mehr und mehr, die Religion abzulösen. Immer mehr ursprünglich als metaphysisch empfundene Dinge werden als Naturgesetze erkannt, und so weicht der Bereich der Religion zurück.

Die Symbolik der Religionen ist auch heute noch für die Masse der mental ‚unterentwickelten‘ Menschen bzw. Völker notwendig; diese überwiegen auf der Erde noch - man darf sich hierüber durch die Hochleistungen geistiger Führungsschichten nicht täuschen lassen.

In dem Maße, in dem die mentale Entwicklung fortschreitet, muss die Religion notwendigerweise durch eine aus geistigen Erkenntnissen abgeleitete Lebensphilosophie abgelöst werden.

Für den geistig Strebenden ergibt sich dadurch die Aufgabe,

1. die eigentlichen Wahrheiten aus der Symbolik der Religionen herauszuschälen und dadurch zur Erkenntnis ihres einheitlichen Ursprungs zu gelangen;

2. den illusorischen Charakter des äußeren Beiwerks der Religionen zu erkennen;

3. durch Hinwendung zu den Erkenntnisquellen im eigenen Inneren zur Unabhängigkeit von Religion und Priestertum zu gelangen; durch Meditation und durch den systematischen Aufbau der höheren Schichten der Denkfähigkeit kann der Mensch den Bereich der Intuition und dadurch seine eigene unabhängige Brücke zur Welt des Göttlich-Geistigen erreichen. (Anm. des Autors: Dies bedeutet nicht, dass die Erkenntnisse und Inspirationen aus der geistigen Welt in intellektueller Form ausgedrückt und in Worte gefasst werden können. Um sie weiterzugeben, muss auch der ‚erleuchtete‘ Mensch weitgehend Bilder und Gleichnisse gebrauchen, da die geistigen Inhalte selbst unausdrückbar sind. Der innerlich erwachte Mensch ist aber nicht mehr auf die traditionellen Symbole und Lehren angewiesen, sondern vermag sich die ihm angemessenen Formen selbst zu bilden. Seine Ethik aber ist eine aus seinen geistigen Inspirationen abgeleitete eigenständige Ethik, die ihm aus der Schau der Notwendigkeiten sowohl seiner eigenen Entwicklung als auch des mitmenschlichen Zusammenlebens erwächst. Sie ist nicht von äußeren Geboten abgeleitet.)

Es folgt Kap. 8: „Das Christentum““

Quelle: Nobert Lauppert, Pilgerfahrt des Geistes, Graz 1972; Kap.7.
Das Büchlein ist - wenn überhaupt - nur noch antiquarisch zu erhalten.


Autor: Norbert Lauppert