MENSCHHEITSENTWICKLUNG UND RELIGION
Sowohl in Indien als auch in Ägypten waren die Angehörigen der Priesterkaste zugleich die einzigen Menschen, deren Psyche auch im Mentalen (Anm. der Red.: Mental=aus Gedanken hervorgegangen, die Geistesart und das Denkvermögen betreffend) schon voll entfaltet war. Die Priester waren so zugleich die ersten Wissenschaftler. Sie gaben dem Volk von ihrem Wissen so viel, wie sie für gut hielten, zum Teil als unverschlüsseltes Wissen, zum größten Teil aber in religiös-symbolischer Form. Dadurch hielten sie das Volk zugleich in ihrer Abhängigkeit.
Eine selbständige, von der Religion unabhängige Wissenschaft entwickelte sich zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte in Griechenland. Diese Entwicklung setzte sich nach einem Rückfall in dem „dunklen Jahrtausend“ des Mittelalters in verstärktem Maße in der europäischen Renaissance fort.
In der Gegenwart (i.e. um.1972; die Red.) beginnt die Wissenschaft mehr und mehr, die Religion abzulösen. Immer mehr ursprünglich als metaphysisch empfundene Dinge werden als Naturgesetze erkannt, und so weicht der Bereich der Religion zurück.
Die Symbolik der Religionen ist auch heute noch für die Masse der mental ‚unterentwickelten‘ Menschen bzw. Völker notwendig; diese überwiegen auf der Erde noch - man darf sich hierüber durch die Hochleistungen geistiger Führungsschichten nicht täuschen lassen.
In dem Maße, in dem die mentale Entwicklung fortschreitet, muss die Religion notwendigerweise durch eine aus geistigen Erkenntnissen abgeleitete Lebensphilosophie abgelöst werden.
Für den geistig Strebenden ergibt sich dadurch die Aufgabe,
1. die eigentlichen Wahrheiten aus der Symbolik der Religionen herauszuschälen und dadurch zur Erkenntnis ihres einheitlichen Ursprungs zu gelangen;
2. den illusorischen Charakter des äußeren Beiwerks der Religionen zu erkennen;
3. durch Hinwendung zu den Erkenntnisquellen im eigenen Inneren zur Unabhängigkeit von Religion und Priestertum zu gelangen; durch Meditation und durch den systematischen Aufbau der höheren Schichten der Denkfähigkeit kann der Mensch den Bereich der Intuition und dadurch seine eigene unabhängige Brücke zur Welt des Göttlich-Geistigen erreichen. (Anm. des Autors: Dies bedeutet nicht, dass die Erkenntnisse und Inspirationen aus der geistigen Welt in intellektueller Form ausgedrückt und in Worte gefasst werden können. Um sie weiterzugeben, muss auch der ‚erleuchtete‘ Mensch weitgehend Bilder und Gleichnisse gebrauchen, da die geistigen Inhalte selbst unausdrückbar sind. Der innerlich erwachte Mensch ist aber nicht mehr auf die traditionellen Symbole und Lehren angewiesen, sondern vermag sich die ihm angemessenen Formen selbst zu bilden. Seine Ethik aber ist eine aus seinen geistigen Inspirationen abgeleitete eigenständige Ethik, die ihm aus der Schau der Notwendigkeiten sowohl seiner eigenen Entwicklung als auch des mitmenschlichen Zusammenlebens erwächst. Sie ist nicht von äußeren Geboten abgeleitet.)
Es folgt Kap. 8: „Das Christentum““
Autor: Norbert Lauppert
