Praktische Ratschläge für das tägliche Leben (Auszug)

Der rechte Beweggrund für das Verlangen nach Selbsterkenntnis liegt im Bereich der Erkenntnis und nicht im Bereich des Selbstes. Selbsterkenntnis ist darum ein erstrebenswertes Gut, weil sie Erkenntnis ist, nicht weil sie sich mit dem eigenen Ich befasst. Haupterfordernis für die Erlangung von Selbsterkenntnis ist darum reine Liebe. Wenn du aus reiner Liebe Erkenntnis suchst, dann wird deine Anstrengungen am Ende Selbsterkenntnis krönen. Die Tatsache, dass ein Schüler ungeduldig wird, ist ein deutlicher Beweis dafür, dass er nicht aus Liebe strebt, sondern um des Lohnes willen, und dies wiederum beweist, dass er den großen Sieg nicht verdient, der für jene bereit steht, die wirklich aus reiner Liebe wirken.

Der "Gott" in uns - d.h. der Geist der Liebe und der Wahrheit, der Gerechtigkeit und Weisheit, der Güte und Kraft sollte unsere einzige wahre und bleibende Liebe sein, unser einziger Verlass in allen Lebenslagen, unser einziger Glaube, dem wir, da er fest steht wie ein Fels, für alle Zeiten vertrauen können, und unsere einzige Hoffnung, die uns niemals enttäuschen wird, wenn auch alle anderen Dinge zugrunde gehen. Er sollte das einzige Ziel sein, das wir zu erlangen suchen, und zwar mit Geduld, indem wir zufriedenen Sinnes warten, bis unser böses Karma sich erschöpft hat und der göttliche Erlöser uns seine Gegenwart in unserer Seele offenbaren kann. Das Tor, durch welches er eintritt, heißt Zufriedenheit; denn wer mit sich unzufrieden ist, der ist mit dem Gesetz unzufrieden, das ihn so gemacht hat, wie er ist. Und da Gott selbst dieses Gesetz ist, wird Gott nicht zu denen kommen, die mit IHM unzufrieden sind.

Wenn wir anerkennen, dass wir uns innerhalb des Stromes der Evolution befinden, dann müssen uns alle Lebensumstände recht sein. Und wenn wir bei der Ausführung der von uns geplanten Taten versagen, so sollte gerade das unsere größte Hilfe sein, denn wir können auf keine andere Weise jene Gemütsruhe erlernen, welche Krishna als so notwendig bezeichnet. Wenn alle unsere Pläne Erfolg hätten, würden wir keine Gegensätze kennenlernen. Auch können ja die Pläne, die wir schmieden, in mangelnder Kenntnis gestaltet und daher falsch sein, und die wohlwollende Natur erlaubt uns darum nicht, sie auszuführen. Wir werden wegen dieser Pläne nicht getadelt, aber wenn wir die Tatsache, dass ihre Ausführung unmöglich ist, nicht akzeptieren wollen, kann uns dies karmische Schuld auflasten. Und wenn wir gar niedergeschlagen sind, dann sind schon dadurch unsere Gedanken weniger kraftvoll. Selbst in einem Gefängnis eingeschlossen, vermag jemand für die große Aufgabe zu wirken. Darum bitte ich euch: entfernt aus eurem Sinn jede Abneigung gegen eure gegenwärtigen Lebensumstände. Wenn es euch gelingt, sie als gerade das zu betrachten, was ihr euch in Wirklichkeit selbst gewünscht habt, („Ihr“ in der Bedeutung des höheren Selbstes. Wir sind das, wozu wir uns selbst machen.) dann wird dies nicht nur eure Gedanken, sondern in einer Reflexbewegung auch eure Körper stärken.

Zu handeln und weise zu handeln, wenn die Zeit zum Handeln gekommen ist, und zu warten und geduldig zu warten, wenn es Zeit zur Ruhe ist, setzt den Menschen in Einklang mit den steigenden und fallenden Gezeiten (des Geschehens); so kann er, mit der Natur und ihren Gesetzen im Bunde und mit Wahrheit und Wohltätigkeit als Leitstern, Wunder vollbringen. Unkenntnis dieses Gesetzes führt zu Perioden von unvernünftigem Enthusiasmus einerseits und zu solchen von Niedergeschlagenheit und sogar Verzweiflung andererseits. Der Mensch wird so zu einem Opfer der Gezeiten, während er ihr Meister sein sollte.

"Habe Geduld, o Strebender, wie einer, der weder Versagen fürchtet noch Erfolge erstrebt." Angesammelte Energie kann nicht vernichtet werden, sie muss in andere Formen übertragen oder in andere Arten der Bewegung transformiert werden; sie kann auch nicht dauernd untätig bleiben und doch weiter bestehen. Es ist nutzlos, einer Leidenschaft widerstehen zu wollen, die wir nicht beherrschen können. Wenn ihre sich ansammelnde Energie nicht in andere Kanäle geleitet wird, dann wird sie wachsen, bis sie schließlich stärker ist als Wille und Vernunft. Um sie zu beherrschen, muss man sie in ein anderes, höheres Strombett leiten. So kann die Liebe für etwas Niedriges dadurch geändert werden, dass man sie in Liebe für etwas Hohes verwandelt. Laster kann in Tugend verwandelt werden, indem man das Objekt wechselt. Die Leidenschaft ist blind, sie bewegt sich dorthin, wohin sie gelenkt wird, und die Vernunft ist ein sichererer Führer für sie als der Instinkt. Aufgespeicherter Zorn findet unweigerlich eines Tages einen Gegenstand, auf den er seine Wut entlädt, oder es kommt zu einer Explosion, die für seinen Besitzer selbst zerstörend wirken kann. Und für die Liebe gilt das gleiche. Ruhe folgt auf den Sturm. Die Alten sagten, die Natur dulde kein Vakuum. Wir können eine Leidenschaft nicht zerstören oder vernichten. Wenn wir sie vertreiben, wird ein anderer Elementaleinfluss ihren Platz einnehmen. Wir sollten darum nicht versuchen, das Niedere zu zerstören, ohne etwas anderes an seinen Platz zu stellen, wir sollten vielmehr Niederes durch Höheres ersetzen, Laster durch Tugend, Aberglauben durch Wissen.

Fortsetzung folgt

Mehr dazu:

siehe Sommertagung 4.-10. August 2011

der Theosophischen Gesellschaft i. D.

 


Autor: Helena P. Blavatsky