Befassung mit Märchen als Weg zur Vermittlung von Theosophie? - Theosophie als Weg heraus aus dem „ganz normalen Wahnsinn!"

Es ist hinreichend bekannt und bei nahe langweilig: die Menschheit ist heute in der Lage und auf dem besten Wege dazu, sich selbst zu vernichten, wenn nicht durch Atomwaffen, dann durch Zerstörung ihrer eigenen Lebensgrundlagen, also durch Umweltvernichtung. Es kann so nicht weitergehen und deshalb gärt es allenthalben. Auch die Politik sieht inzwischen, welche Gefahren von Plutokratie, Technokratie und einer damit einhergehenden kalten Zivilisation ausgehen - fast eine Art von Nekrophilie, wie sie von Erich Fromm so treffend beschrieben worden ist. Daher wird von verständigen Politikern heute Bildung eingefordert und Gelder hierfür werden bewilligt. Aber ist denn Bildung ein Gut, das man auf dem Jahrmarkt einfach so kaufen kann? Die Frage nach Inhalten und durch wen und wie sie vermittelt werden sollen, bleibt weitgehend offen. Daneben und in weitgehendem Widerspruch hierzu wird auch weiterhin als Mittel zum Fortschritt der Menschheit ein

nahezu schrankenloser Wettbewerb gefordert nach der Devise „Jedem das Seine, aber mir das Meiste!". Oder genauer: Wer am meisten leistet, der soll auch am meisten bekommen! Für einen Impuls, anderen aus einem den eigenen Bedarf übersteigenden Leistungsvermögen freiwillig etwas abzugeben, ist da wenig Raum - wer so denkt oder gar handelt, der ist gestrickt wie der Dümmling im Märchen.

Auch aus einer überschauenden theosophischen, wir können auch sagen, einer allgemeineren spirituellen Sicht lässt sich heute bereits feststellen, dass diese Art eines mehr oder weniger schrankenlosen Egoismus (nach Charles Darwin auch als Sozial-Darwinismus zutreffend beschrieben) die zu treffenden Entscheidungen so maßgeblich bestimmt, dass der Satz Shakespeares auf die menschliche Gemeinschaft insgesamt zutrifft, der da lautet: „Something is rotten in the State of Denmark."3. Darwin selbst scheint diese Gefahr auf der Grundlage seiner Theorien erkannt zu haben, denn er formulierte gegen Ende seines Lebens so:

„Ich habe meinen Geschmack für Gemälde und Musik beinahe verloren. Mein Geist scheint eine Art Maschine geworden zu sein, allgemeine Gesetze aus großen Sammlungen von Tatsachen heraus zu malen. Wenn ich mein Leben noch einmal zu leben hätte, so würde ich mir zur Regel machen, wenigstens alle Woche einmal etwas Poetisches zu lesen oder etwas gute Musik anzuhören. Denn vielleicht wären dann die verkümmerten Teile meines Gehirns durch den Gebrauch tätig geblieben."4

Es handelt sich hier um ein inhaltlich erschütterndes, jedoch offenbar fast unbekanntes Zitat eines Mannes, dessen Forschungsergebnisse heute noch weitgehend das herrschende Weltbild bestimmen.

Mit der oben bereits beschriebenen Forderung nach mehr Bildung werden der Sache nach natürlich Wissenschaft, Philosophie und Religion eingefordert, heute immer noch eindeutig dominiert von der Wissenschaft mit ihrem Prüfungsmonopol. Wer heute rasch etwas werden und Erfolg haben will, muss Prüfungen bestehen, und das tut er am besten, wenn er nicht nach Wahrheit sucht, sondern das lernt, was dort als Prüfungswissen gefragt ist. Wer aber glaubt heute noch, von dorther könne eine Lösung des skizzierten Menschheitsproblems kommen? Wer zweifelt heute noch ernstlich daran,

3 „Etwas ist faul im Staate Dänemark"

4 zitiert nach Broder Christiansen, Lebendige Weisheit alter und neuer Zeit (Reclam)

dass vielmehr unsere Probleme gerade von daher verursacht sind? Wissenschaft und Technik vergrößern die Macht und Effektivität eines auch noch hochgradig geschmacklos („Geiz ist geil" - „Ich bin doch nicht blöd") daherkommenden Egoismus. Dass eine bis heute propagierte Gesellschaftsordnung auf dieser Grundlage besser funktioniert als ein wie immer verordneter Sozialismus, liegt daran, dass sie der tatsächlich aktuell vorhandenen Wesensart des Menschen besser entspricht. Heute aber verkehren sich diese Erfolge in ihr Gegenteil: „Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage." Wo ist das „Rettende", das ja nach Hölderlin mit alledem mitgewachsen sein soll?

Weiter zu versuchen, die Welt - was hier vornehmlich Außenwelt heißt -wissenschaftlich zu durchdringen und beherrschbar zu machen, hieße, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Eine Lösung kann in der Tat nur aus dem bereits angesprochenen Bildungsbereich kommen und zwar aus dem Bereich der Letztbindung des Menschen, dem religiösen. Es stimmt also der Satz: „Eine künftige Gesellschaft wird religiös bestimmt sein - und zwar notwendigerweise auf einer sehr tief gegründeten Ebene - oder sie wird nicht sein." Wenn erst ganz China mit einem Autobahnnetz mit vergleichbarer Dichte wie dem unseren durchzogen sein wird und zur rush-hour 500 Millionen Chinesen im Stau stehen, wird es möglicherweise zu spät sein. Die hier als Hinwendung zum Religiösen bezeichnete Lösung ist heute in größerem Umfange bereits im Gange, als es nach außen hin den Anschein hat. Es gärt, wie oben gesagt, allenthalben und zwar nicht nur in den verfassten Religionen und Kirchen, sondern insbesondere in Form eines bis heute wohl nie dagewesenen allgemeineren Interesses der Menschen an religiöser Orientierung. Es ist dies ein tröstlicher Umstand, und eine gewisse Geduld ist gefragt. Um aus Unvergorenem über den notwendigen Gärungsprozess Vergorenes in Form guten Weines zu machen, braucht es Zeit. Hast ist schädlich, aber Eile ist sehr wohl geboten!

Nun haben wir allein fünf Weltreligionen, abgesehen von unzähligen Nebenarmen dieses in Richtung Transzendenz ausgerichteten gewaltigen Flussdeltas. Diese nun ihrerseits auf einen - natürlich - fairen und friedlichen Wettbewerb zu verweisen, wie Lessing in seinem Nathan es getan hat, klingt recht gut, hat aber bis heute nicht funktioniert und kann letztlich auch nicht funktionieren, s. o. Hier nun bietet die Theosophie einen grundsätzlich anderen Weg an, in dem sie zeigt, dass alle Religionen der Welt über einen Kernbestand verfügen, in dem sie vollständig übereinstimmen, und dass dieser Kernbestand der entscheidende ist. Wem es gelingt, in diesen Kernbereich -er ist der Allerheiligste - vorzudringen, der erfährt dort, dass alles mit allem

zusammenhängt, er erfährt, dass alle Kreaturen, vor allem alle Menschen, Kinder eines göttlichen Wesens und damit Brüder und Schwestern sind, und er erfährt, dass dies der Bereich der Liebe ist, die notwendig aber auch möglich zu machen eben der Sinn dieser Veranstaltung der Vervielfältigung des Göttlichen ist, die man Schöpfung nennt.

Nur eine Ökumene mit diesem Erkenntnispotential und Erkenntnisziel kann wirklich erfolgreich sein, weil sie eben auf unmittelbarer, man sagt auch mystischer Erfahrung beruht und nicht auf gedanklichen Spielereien.

Und so etwas soll die Weltprobleme lösen, wie wir sie eingangs andeutungsweise aufgezeigt haben? Hier sage ich eindeutig ja, und weiter: Nur so können die Weltprobleme gelöst werden. Warum? Weil Erkenntnisse dieser Art - wir können auch Erleuchtungen sagen - mit einer tiefst greifenden Bewusstseinsveränderung in jedem, der von ihnen ergriffen ist, einhergeht und diese wiederum mit der immer wieder geforderten Umwertung aller Werte, aber nicht in der von Nietzsche bevorzugten Richtung. Wer im anderen seinen wirklichen Bruder und Mitwirker an der Schöpfung Gottes erkannt hat, der kann ihn gar nicht mehr als Konkurrenten sehen, der weiß, dass dessen Wohlergehen auch sein Wohlergehen ist, dass er sich selbst schadet, wenn er diesem Schaden zufügt. Und er weiß dies direkt aufgrund unmittelbarer Erfahrung und nicht aufgrund irgendeines Kalküls, wie es zum Beispiel dem Prinzip des „do ut des"5 zugrunde liegt. Wenn dies aber geschieht, dann findet die soeben angesprochene Bewusstseinsveränderung statt und damit lösen sich alle Probleme von selbst, das Leben wird, dem christlichen Kreuzzeichen entsprechend und dem ersten und zweiten christlichen Gebot, die nach biblischer Auffassung die wichtigsten sind und alle weiteren enthalten, nun nicht mehr von Egoismus und Konkurrenzdenken, sondern von Geschwisterlichkeit und Liebe bestimmt werden.

Ein gemeinsamer, durch Erfahrung und nicht durch Kalkül bestimmter Zugang zu dem, was aller Welt zugrunde liegt, zur Wahrheit eben, ist aber Voraussetzung alles dessen, weshalb H. P. Blavatsky, die Begründerin der modernen Theosophie, auch zutreffend sagte: „Keine Religion ist höher als die Wahrheit," womit zugleich der Satz Jesu „Die Wahrheit wird euch frei machen" aufgegriffen wird. Theosophie - vom derzeitigen Dalai Lama hoch geschätzt, wie es sich aus dem von ihm geschriebenen Vorwort zu der kleinen Schrift Die Stimme der Stille ergibt - diese Theosophie bietet nun an,

5 Lateinisch: ich gebe, damit du gibst

diese Wahrheit zu vermitteln und dabei Wissenschaft, Philosophie und Religion, sie untereinander verbindend, mit einzubeziehen.

Wie aber kann es sein, dass diesem gigantischen Anspruch gerade in den heutigen Krisenzeiten so wenig Aufmerksamkeit zuteil wird, gerade angesichts der geschilderten aktuellen Notlage? Dieser insbesondere für den deutschsprachigen Raum äußerlich zutreffende Gedanke ist insofern zu korrigieren, als Theosophie weltweit eine viel größere Bedeutung bereits erlangt hat, als dies hier in Erscheinung tritt. Auch für Deutschland ändert sich das Bild bereits sehr, wenn man die hier besonders verbreitete Anthroposophie hinzurechnet, was man aus weltanschaulichen Gründen tun muss. Weltanschauliche Grundlage der Anthroposophie und ihres Begründers Rudolf Steiner ist eindeutig, wie aus ihren Schriften ersichtlich und leicht nachvollziehbar, das theosophische Weltbild. Vor allem aber durchzieht theosophisches Gedankengut wie ein roter Faden die gesamte Weltliteratur und Kunst und alles, was zu den echteren, geistesbestimmten Beschäftigungen des Menschen gehört, die ihn zum Göttlichen hin veredeln. Wir brauchen für Deutschland hier nur zum Beispiel auf Goethe und Schiller, aber auch auf Hermann Hesse zu verweisen, deren Geisteshaltung als durchweg theosophisch zu bezeichnen ist, auch wenn sie diesen Begriff selten gebrauchen.

Woher kommt es aber, dass sich angesichts der geschilderten Ausgangslage nicht die gesamte geistige Welt, insbesondere die sogenannte Geisteswissenschaft auf eben diese Theosophie mit all ihrer weltweiten Literatur stürzt? Sie käme als Grundlage einer Art Gesamtpsychotherapie der Menschheit im Ganzen in Betracht, wie man eine Befreiung aus dem ganz normalen Wahnsinn unseres täglichen Lebens wohl mit Recht bezeichnen kann. Das liegt einmal an der Art des Wissenschaftsbetriebes und der Leute, die hier das Sagen haben, wie auch den rein verstandesorientierten Methoden, die angewendet werden.

Außerdem: Die Köpfe der dort Mächtigen sind vollgestopft mit Halbwahrheiten, was schlimmer ist als Leere im Kopf. Aus den Einzelwissenschaften, Psychologie und vor allem Psychotherapie kennen wir den Begriff des Widerstandes. Welches aber ist der Widerstand, der einer Gesamttherapie durch Theosophie entgegensteht?

Es ist das Verdienst vor allem kleinerer spiritueller Gruppen, die nach Entstehung und Inhalt der Theosophie zuzurechnen sind, diesen Widerstand klar erkannt zu haben: Ich nenne beispielhaft aus der Vielfalt spiritueller Richtungen den Zen-Buddhismus, den modernen Chassidismus, verkörpert zuletzt

insbesondere durch Friedrich Weinreb, ferner die Gralsbewegung im Gefolge von Abd-ru-shin, sowie insbesondere „Ein Kurs in Wundern". Vor allem solche Gruppierungen sind es, die diesen Widerstandskern ausgemacht und deutlich benannt haben: Es ist eben der menschliche Verstand, eindeutig die Hauptfunktion des menschlichen Egos - theosophisch als „das niedere Ma-nas" bezeichnet, von Friedrich Weinreb erläuternd das berechnende Denken und auch sehr bildhaft „Nachtdenken" genannt. Es ist nicht in Frage zu stellen, dass es eben dieses berechnende Denken war, das in Form der sogenannten Aufklärung dem zum Teil finstersten mittelalterlichen Aberglauben und der mit ihm verbundenen Machtausübung ein Ende setzte - und das uns andererseits den gigantischen wissenschaftlichen Fortschritt bescherte. Aber: Bei ersteren haben wir - da rein materialistisch begründet - das Göttliche Kind mit dem Bade ausgeschüttet, und die Folgen davon bedrohen heute den Fortbestand von Menschheit und Erde.

Trotzdem ist festzustellen: Die etablierten Wissenschaften wehren sich, denn sie sind natürlich in ihrem „Heiligsten" bedroht, dem sogenannten aufgeklärten Verstandesdenken, und aus den institutionalisierten Religionen ist Beifall oder Unterstützung für die genannten neueren kritischen spirituellen Gruppen umso weniger zu erwarten, je stärker ausgebildete Machtgefüge in den religiösen Institutionen vorhanden sind. Immerhin: dass bekennende Anhänger der Theosophie als Ketzer verbrannt wurden, wie z. B. Giordano Bruno, ist heute nicht mehr zu erwarten - dies als Trost.

Und noch etwas: In dem fast 1100 Seiten starken, hochinformativen Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen, vor kurzer Zeit (2006) in 6. Auflage erschienen und im Auftrage der VELKD (Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands) herausgegeben von Hans Krech und Matthias Kleiminger wird die Theosophie auf mehr als 40 Seiten (vgl. S. 722 ff u. 559 ff) als Grundlage der meisten spirituellen Gruppierungen und unter weitgehend korrekter Wiedergabe ihrer wesentlichen Lehren (vor allem Franz Hartmann wird vielfach zutreffend zitiert) gewürdigt. Warum der (oder die ?) Verfasser dann am Ende glaubt, eine Unvereinbarkeit von Theosophie und evangelischem Christsein feststellen zu müssen, bleibt nach dem zuvor ausführlich Dargestellten völlig unklar - ja widersprüchlich und unverständlich.

Was aber kann getan werden, um diesen Widerstand zu verringern? Sicher Vieles! Aber vielleicht gibt es ja noch einen ganz anderen - viel eleganteren

- und trotzdem höchst wirkungsvollen Weg: den der Befassung mit Märchen

- die unbestritten einen der Weisheitsschätze der Menschheit enthalten.

Warum könnten gerade Märchen als Weisheitsreservoir geeignet sein, den skizzierten Widerstand der etablierten Wissenschaft mit ihrem einseitig betonten Verstandesdenken - zu brechen vielleicht nicht (dazu sind sie zu schwach) wohl aber zu umgehen, zu überlisten?! Weil sie im Gegensatz zu den sonstigen Mythologien der Menschheit von vornherein einräumen, mit Verstandesdenken nichts am Hut zu haben - sie sind ja eben nur Märchen -zwar interessant und manchmal sogar spannend und faszinierend, aber letztlich nicht ernst zu nehmen, weshalb sich das Verstandesdenken durch den Umgang mit ihnen nicht ernstlich bedroht fühlen kann. So gibt es z. B. sogar eine universitäre Märchenforschung, und wenn diese bis heute spektakulär Heilsames nicht zu Tage gefördert hat, so mag der Grund hierfür darin liegen, dass die hier angewendeten Erkenntnismethoden eben letztlich verstandesorientiert und daher für Erkenntnisse, wie sie hier in Frage stehen, ungeeignet sind. Den Stein der Weisen kann nur finden, wer selbst weise ist - oder sagen wir genauer: geworden ist.

So weit, so gut - aber worauf soll das Ganze hinauslaufen? Sollen wir der Menschheit und ihren für den Fortschrift bislang zuständigen Bildungsapparaten empfehlen, sich mehr mit Märchen zu beschäftigen auf ihrem Wege, auf ihrer Suche nach Wahrheit und dann auch mit dem geistigen Band, das Märchen wie alle Mythen miteinander verbindet, mit Theosophie? Vielleicht sollten allen organisierten geistigen Bemühungen um Wahrheit Meditationskurse vorgeschaltet werden? Sehr realistisch klingt das nicht. Sehr viel realer erscheint es, auf einzelne in diesen Bildungsapparaten zu setzen, die dem noch immer herrschenden „weiter so" und „mehr desselben" augenscheinlich abgeschworen haben und die heute meist noch als Einzelkämpfer erscheinen. Sie sind es, die die so wichtigen Löcher in den Käse bringen! Und was ist mit uns? Wir - am Ende eines langen Berufs- und Familienlebens mit Einigem an Erfahrung ausgestattet - wir tun das auch, wir leisten den wahrscheinlich wichtigsten Beitrag zur Therapie des Ganzen, in dem wir uns mit Überlegungen wie diesen befassen, denn aus Theosophischer Lehre wissen wir: Gedanken sind Kräfte, und keine Anstrengung geht verloren! Kümmern wir uns also weniger um die großen Institutionen und Apparate -ob sie Kirchen heißen oder Universitäten, sondern kümmern wir uns mehr um uns selbst auf dem vielzitierten Weg nach innen - da haben wir genug zu tun, denn da begegnen wir der „bösen Stiefmutter"6 in uns oder gar der

6 Die Universität wurde früher mit Recht „alma mater" (die nährende Mutter) genannt, heute ist sie eher als Stiefmutter einzuordnen.

„Hexe"7. Sie müssen wir besiegen. - Haben wir aber gesiegt, so geht Heil für das Ganze von uns aus - mehr können wir nicht tun und mehr brauchen wir auch nicht zu tun: Alles andere ergibt sich von allein - und Märchen, eingegliedert in Theosophie - können uns dabei helfen! Einen Klerikerapparat brauchen wir dazu nicht! Wohl aber Menschen guten Willens, die uns stützen und die wir stützen auf unserem gemeinsamen Weg.

Wie wir in unseren Überlegungen über theosophisches Gedankengut in Märchen bereits gesehen hatten,8 hängt deren Einfluss und Wirkung nicht eigentlich davon ab, dass wir ihren Weisheitsgehalt gedanklich verstandesmäßig verstehen und einordnen können, sondern Märchen sind - wie alle echte Mystik der Weltliteratur auch - insoweit Selbstläufer: Sie haben eine heilende Wirkung auf das verwirrte menschliche Bewusstsein, auch ohne dass wir die Wirkmechanismen im einzelnen durchschauen9, so wie dies bei wirksamen Medikamenten auch der Fall ist. Wie aber bereits dargelegt, bieten die theosophischen Lehren und das darauf beruhende theosophische Weltbild einen Bezugsrahmen, der es uns erlaubt, auch mit den Mitteln zwar nicht des Verstandes, wohl aber der Vernunft, dem Weisheitsgehalt in Märchen näher zu kommen.

Wenn wir nun dies versuchen, so gehen wir dabei zweckmäßigerweise nicht analysierend sondern ganzheitlich betrachtend wie folgt vor:

1.

Wir hören zunächst das ausgewählte Märchen nur an, achten allerdings darauf, welche Gedanken und Gefühle dabei in uns ausgelöst werden. Was erscheint uns merkwürdig, ungereimt, ärgerlich, vielleicht aus reiner Fabulierlust entstanden und deshalb von vornherein unglaubwürdig? Was erscheint uns zu süßlich und vielleicht moraltriefend, was vielleicht übertrieben grausam? Welche Assoziationen werden durch das Anhören in uns ausgelöst, welche Muster uns bewusst? Inwieweit gelingt es dem Märchen insbesondere, in uns den Bewusstseinszustand unserer Kindheit wieder wachzurufen, in dem wir einstmals das Märchen gehört und empfunden haben. Würde dies gelingen, so könnten wir unter Umständen das Anhören von Märchen als

7 Karlfried Graf Dürckheim fragt: „Sind Sie noch nie Ihrer Hexe begegnet?"

8 Einen Vortrag mit diesem Thema hat der Verfasser im August 2007 auf der Sommertagung der TGD in Calw im Schwarzwald gehalten.

9 Eine Eigenschaft, die das Märchenhafte übrigens mit dem Humorigen teilt. Es gibt Märchen, die beides enthalten.

eine Art Bewusstseinsfahrstuhl betrachten, weg aus der Welt des berechnenden Denkens - hinein in eine Welt der Wunder, des Glaubens oder gar des Mitgefühls und der Liebe, in der vieles möglich erscheint, was uns in der Welt, die wir als normal betrachten, notwendig verschlossen bleiben muss. Erinnern wir uns, warum wir in unserer Kindheit der Märchenstunde im Radio so entgegengefiebert haben - weil wir spürten, dass in den Märchen viel mehr von wahrem, wirklichem Leben abgehandelt wurde als in unserer alltäglichen Welt.

2.

Haben wir uns so das Märchen gewissermaßen einverleibt, anverwandelt könnten wir auch sagen, so werden wir in einzelnen Abschnitten oder vielleicht insgesamt Muster erkennen, Entwicklungs- oder sogar Lebensmuster äußerer und innerer Art. Parallelen zu anderen Geschichten mystischer Art werden deutlich. Die Mustererkennung als Erkenntnisleistung spielt hier deshalb eine besondere Rolle, weil sie ohne jeden Zeitverzug vor sich geht, Zeit aber - darin sind sich alle echten Mystiker einig - eher ein Produkt unseres Bewusstseins ist als eine objektive Erkenntniskategorie.

3.

Und auf dieser Grundlage werden wir - mehr oder weniger notwendig - als Folge der Märchenbetrachtung uns und unser Leben besser verstehen. Wer in seine midlife-crisis so richtig hineingeraten ist, weil er merkt, wie ihm das tägliche Einerlei in endloser Wiederholung - von den Indern „Sam-sara" genannt - von dem spätestens jetzt fälligen Kurswechsel hin zum Wesentlichen abzuhalten versucht, der spürt, was es bedeutet, vom Wolf als Ganzes verschluckt zu werden.

Gerade durch Assoziationen dieser Art werden wir schließlich auch Wahrheitshinweise auf die Richtigkeit theosophischer Lehren erhalten, Märchen spielen in der Weltliteratur so etwa die Rolle wie der Hofnarr bei Hofe! Grund genug, über sie zu lachen, ihnen jeden Tabubruch nachzusehen und sie zugleich als Wahrheitsvermittler sehr ernst zu nehmen. Der Glaube kann Berge versetzen, sagt der Volksmund. Soweit, dies ohne weiteres als richtig anzunehmen, müssen wir ja nicht alsbald gehen. Eines aber sollten wir vermeiden: uns durch positiven Unglauben an höherer Erkenntnis zu hindern.

Es gibt ein Märchen über das Märchen, in dem diese Zusammenhänge sehr poetisch dargestellt werden und das wie folgt lautet:

Die Wahrheit und das Märchen

Die Wahrheit ging durch die Straßen, ganz nackt wie am Tage ihrer Geburt. Kein Mensch wollte sie in sein Haus einlassen. Jeder, der sie traf, flüchtete voller Angst vor ihr.

Eines Tages ging die Wahrheit wieder in Gedanken versunken durch die Straßen. Sie war sehr betrübt und verbittert. Da begegnete sie dem Märchen. Das Märchen war geschmückt mit herrlichen, prächtigen und vielfarbigen Kleidern, die jedes Auge und jedes Herz entzückten. Da fragte das Märchen die Wahrheit: „Sage mir, geehrte Freundin, warum bist du so bedrückt und treibst dich auf den Straßen so betrübt herum?" Da antwortete ihm die Wahrheit: „Es geht mir sehr schlecht, ich bin alt und betagt, und kein Mensch will mich kennen." Hierauf erwiderte ihr das Märchen: „Nicht, weil du alt bist, lieben dich die Menschen nicht. Auch ich bin sehr alt, und je älter ich werde, desto mehr lieben mich die Menschen. Siehe, ich will dir das Geheimnis der Menschen enthüllen: Sie lieben es, dass jeder geschmückt ist und sich ein wenig verkleidet. Ich werde dir solche Kleider borgen, mit denen ich angezogen bin, und du wirst sehen, dass die Leute auch dich lieben werden."

Die Wahrheit befolgte diesen Rat und schmückte sich mit den Kleidern des Märchens. Seit damals gehen Wahrheit und Märchen zusammen, und beide sind bei den Menschen beliebt.

Jüdische Lehrgeschichte

Machen wir nun aber, nach so viel Theorie einen praktischen Versuch, an einem konkreten Märchen diese Zusammenhänge zu verifizieren. Wir wählen uns hierzu eines der großen Volksmärchen der Brüder Grimm aus und sehen einmal zu, ob uns dieses Vorgehen zu Erkenntnissen führt und zu welchen.



Autor: Dr. Bernhard Prediger