Vom Atom zum Kosmos

Gordon Plummer

IV. Leben ohne Ende

Die beiden letzten Kapitel haben gezeigt, dass Raum und Bewusstsein als ein und dasselbe betrachtet werden können, und dass der Raum nicht nur in einer Hinsicht grenzenlos ist: als unbegrenzte Ausdehnung sowohl als auch in Bezug auf die Zeit und die Fähigkeit, zahllose Milchstraßensysteme zu be­herbergen - auf dieser unserer Ebene, von anderen noch ganz abgesehen! -und in Bezug auf die ungezählten Abwandlungen der Energie-Materie oder Geist-Materie, die wir Ebenen des Bewusstseins nennen. Wir haben glei­cherweise gesehen, dass sich das Bewusstsein von einer Ebene der Geist-Materie verlagern kann auf eine höhere oder niedrigere und dabei das aus­löst, was uns als Umwandlung von Materie in Energie - oder umgekehrt -erscheint. Die logische Schlussfolgerung ist natürlich, dass Materie unzer­störbar ist, aber es gibt einen immerwährenden gegenseitigen Austausch der Materie unserer physischen Ebene mit der von Ebenen „über" oder „unter" der unseren. Dies ist das wirkliche Geheimnis der Materie-Entstehung. Auch deshalb sagen wir, dass ein Stern entsteht durch einen Entwicklungsprozess -in der ursprünglichen Bedeutung dieses Wortes, nämlich durch eine Wen­dung nach außen. Ein Großteil der Materie, aus der das Sonnensystem be­steht, ist der Rückstand früherer Sonnensysteme auf dieser Ebene. Einiges von dem Material war einst jedoch Teil von Weltensystemen auf inneren Ebenen, und indem diese Stofflichkeit die augenscheinlichen Umwandlun­gen von Energie in Materie und umgekehrt durchmachte, „stieg" sie „ab" -oder vielleicht „auf" - zu unserer Wahrnehmungsebene, wo sie, in Überein­stimmung mit den Naturgesetzen, in ein Sonnensystem eingefügt wurde. Wir hätten fast gesagt, „einem Gesetz der Anziehung folgend", was nicht von vornherein unwahr gewesen wäre, aber sehr unvollständig, denn das ließe andere sowohl materielle als auch geistige Kräfte außer Betracht.
 
Wir müssen nun erwägen, was diese Übertragungen von Materie und Energie von einer Ebene auf eine andere verursacht. In Kapitel III haben wir als Tatsache festgestellt, dass die Übertragung von Energie-Materie von einer Ebene auf eine andere in Wirklichkeit in einer Veränderung des Bewusstseins von einer Höhenlage auf eine andere besteht und dass die Zweipoligkeit „Geist-Materie" Träger dieses Bewusstseins ist. Dies klingt weniger seltsam, wenn wir bedenken, was sich z. B. alles mit Elektrizität machen lässt: Bevor es Dynamos, Batterien oder auch nur Influenzmaschinen gab - wo war da die Elektrizität? Sie war - und ist immer noch - eine sehr aktive Kraft, die auf einer feinstofflichen Ebene die Erde umgibt und durchdringt. Ohne diese Wundertäterin Elektrizität könnte die Erde nicht lange weiterbestehen. Wir haben allerdings Mittel, sie zu beobachten und zu beherrschen, indem wir z. B. einfach einen Glasstab mit einem seidenen Taschentuch reiben. Die In­fluenzmaschine veranschaulicht sehr deutlich, was dabei geschieht: Man dreht eine Glasscheibe, auf der kleine Bleikugeln befestigt sind, in der Nähe von Streifen aus Zinnfolie, und die elektrische Ladung wird von einem Mes­singkamm aufgenommen, unter welchem sich die Bleikugeln bewegen, ihn aber gar nicht wirklich berühren. Hierbei wird - bildlich gesprochen - Be­wegung in Elektrizität verwandelt. Wir bewerkstelligen dabei im Grunde mit der Hand das gleiche, was die Natur bei einem Gewitter vollbringt: Elek­trisches Potential wird zwischen zwei Wolken oder zwischen Wolken und Erde aufgebaut, bis es zuletzt dort durchbricht, wo der Widerstand am ge­ringsten ist - und wir sehen einen Blitz. Um die Analogie abzurunden, erin­nern wir uns, dass elektrische Energie zweipolig ist, als positive und nega­tive Ladungen.
 
Spinnen wir diese Analogie weiter und sagen wir, dass sich zwischen zwei Bewusstseinsebenen ein Lebens-Potential aufbaut, bis die Anspannung so groß wird, dass sie durchbricht und die Übertragung von Energie-Materie von einer Ebene auf die andere auslöst. Alle Erscheinungen sind in Wirklich­keit Manifestationen kosmischen Lebens.
 
Bisher haben wir nur den Bewusstseins-Übergang von Ebene zu Ebene in Gestalt von Atomen, den Bausteinen aller Dinge, betrachtet, aber nicht, wie diese Atome sich zusammenschließen zu lebenden Organismen - weil ein Organismus als solcher nicht körperlich übertragen werden könnte von einer Ebene, einem Zustand oder Zusammenhang auf eine(n) andere(n). Wenn ein Mensch stirbt, huscht sein Körper nicht plötzlich weg auf irgendeine unsicht­bare Ebene, obwohl die Todesreise den inneren Menschen tatsächlich durch die inneren Bewusstseinsebenen führt. Aber in einem solchen Zustand der Entkörperung ist er sozusagen nur ein Bewusstseins-Atom, und als solches kann er von Ebene zu Ebene wandern, wie später gezeigt werden soll.
 
Wir haben auch noch nicht die Ursachen berührt, die der Übertragung der Atome von Ebene zu Ebene zugrunde liegen. Wir werden keinen Augenblick an der Vorstellung festhalten, dass kosmisches Leben aus dem dünnen Gewe­be des Zufalls bestehe. Hinter allen Erscheinungen steht Intelligenz, Kosmi­scher Wille, wie man auch sagen kann, und weil wir gerade dabei sind, die Natur des Willens zu untersuchen, postulieren wir hiermit die Existenz eines alldurchdringenden WILLENS. Kosmischer Wille ist zwiefältig: Wille als Entschlusskraft, den ein tiefes Geheimnis umgibt, und automatischer Wille, der die Bewegungen der Himmelskörper steuert, das Klima und das Wetter, das Fließen der großen Ströme kosmischer Energie, woraus sich der Über­gang der Atome von einer Ebene auf die andere ergibt und überhaupt alle Erscheinungen der sogenannten unbelebten Natur. Aber in jedem Organis­mus spiegelt sich der Kosmische Wille, der als individueller Wille wiederer­scheint, sowohl als Entschlusskraft als auch als automatischer. Wille als Ent­schlusskraft befähigt uns zu sprechen, zu denken, zu gehen, zu laufen usw., und der automatische oder vegetative Wille steuert die natürlichen Vorgänge des Körpers wie Herzschlag und Verdauung.
 
Alle willensbegabten Wesen haben die Kraft zu entscheiden und, wenig­stens bis zu einem gewissen Grade, Freiheit in ihren Handlungen. Aber sie können nicht die Bande zerreißen, die sie an das All-Selbst binden, dessen Teil sie sind, noch haben sie unbegrenzte Willensfreiheit, denn im Zusam­menwirken entfaltet sich die stärkste Kraft im Weltall. Wenn alle Dinge dem Kosmischen Willen gehorchen, gehorchen sie ihrem eigenen höchsten Wil­len, der die Grundlage der Sittlichkeit ist. Das Wesen des Kosmischen Wil­lens ist nichts anderes als Mitgefühl, trotz gegenteiligem Anschein. Das Ge­setz des Überlebens der Tüchtigsten mag vielleicht als beherrschender Faktor auf dieser Erde erscheinen, aber es gibt höhere Faktoren, und wir können nicht das ganze Universum aus dem engen Blickwinkel unserer Erde beurteilen. Darüber hinaus gibt es Gründe für den „Kampf ums Dasein", die ihren Ursprung in fernen Zeitaltern anderer Welten haben. Dies ist jedoch jetzt noch nicht Gegenstand ausführlicher Erörterung; inzwischen genüge die Feststellung, dass es keine Nicht-Existenz dessen gibt, was existiert, so dass der Ausdruck „Überleben der Tüchtigsten" nicht der bestmögliche ist. Wir werden später ausführlicher die Lehre erörtern, gemäß der ein Geschöpf nach seinem Tode nicht nicht-existent ist, sondern seiner Art entsprechend umsorgt wird, bis sich unter günstigeren Umständen eine erneute Gelegen­heit zur Rückkehr auf die Erde findet. Im wesentlichen ist das „Gesetz des Überlebens der Tüchtigsten" nicht herzloser als das Aussortieren mangelhaf­ter Ware in einer Fabrik. Dort werden aussortierte Waren beseitigt, aber in der Natur gibt es immer eine weitere Chance.
 
Übersetzung: Reiner Ullrich
(Fortsetzung folgt)


Autor: Gordon Plummer