WAS IST DER MENSCH?

Ehe wir Reinkarnation, Entwicklung und das diese beherrschende Kausalitätsgesetz näher betrachten können, müssen wir uns mit der Konstitution des Menschen befassen und zu verstehen suchen, aus welchen Wesensteilen er sich zusammensetzt und wie diese ineinander wirken.

a) Der Körper

Was wir an anderen und an uns selbst unmittelbar wahrnehmen, ist zunächst der Körper - jener wunderbare Organismus, der mit den Körpern der Säugetiere verwandt, aber in seiner Durchbildung, besonders hinsichtlich des Nervensystems, wesentlich verfeinerter, aber vielfältiger und weniger spezialisiert ist. Medizin und Biologie haben in diesem Körper ein Zusammenspiel mechanischer, chemischer und elektrischer Vorgänge gefunden, die zusammen mit einem nur teilweise erforschten Etwas, dem eigentlichen Leben, die biologischen Funktionen des Körpers ausmachen.

Seit Mesmer weiß man im Westen, dass im Körper auch eine Kraft wirkt, die man als Magnetismus bezeichnet hat. Die alte indische Tradition spricht von einem feinstofflichen Gegenstück des dichtphysischen Körpers und nennt diesen linga scharira; sie betrachtet dieses Gegenstück als den eigentlichen Träger der Lebenskraft und sagt, dass in ihm eine Reihe von Kraftwirbeln, die, weil sie rotierenden Rädern ähneln, Chakras genannt werden, besondere Funktionen ausüben, insbesondere auch die Funktion einer Verbindung zum inneren Bewusstsein.

Moderne grenzwissenschaftliche Forschungen haben ergeben, dass dieses Gegenstück des physischen Körpers, das in der okkulten Literatur ursprünglich Astralleib und später Ätherkörper genannt wurde, für die paraphysikalischen Erscheinungen (Telekinese, Levitationen, Materialisationen usw.) verantwortlich ist. Heute bezeichnet man es meist als das „vitalmagnetische Feld“ des Körpers; die parapsychologische Forschung in Russland hat hierfür den Ausdruck „bioplasmatischer Energiekörper“ geprägt.

b) Die Psyche

Die Psyche - unser Fühlen und Denken - ist normalerweise mit dem Körper eng verbunden, und sie wirkt auch unmittelbar auf ihn ein. Man denke an Erscheinungen wie Herzklopfen bei Erregung, Rotwerden bei Verlegenheit, Verschwinden von Müdigkeit bei freudiger Erregung, relative Schmerzunempfindlichkeit bei hochgradiger Erregung u.a.m.

Unsere Psyche vermag aber auch gesondert vom Körper, der selbst über ein eigenes elementares Bewusstsein verfügt, zu funktionieren. Ein allbekanntes Beispiel ist das automatische Türzusperren, während „man selbst“ an etwas anderes denkt, oder die Tatsache, dass der Körper auf einem altbekannten Weg in richtiger Weise nach Hause zu gehen vermag, während „man selbst“ in andere Gedanken versunken ist. Dabei werden verhältnismäßig komplizierte Funktionen vom Körper allein durchgeführt.

Ebenso wie das Denken und Fühlen vom Körper ist aber auch unser Denken vom Fühlen trennbar - allerdings nur bei bewusstem Wollen: ich kann durch Nachdenken mein Fühlen beurteilen und in gewissem Maße auf meine Gefühle einwirken. Ohne solche bewusste Anstrengung ziehen umgekehrt die Gefühle oft das Denken in ihren Bann und werden zu dessen eigentlichem Antrieb.

Unser Denken und Fühlen hat auch eine ausstrahlende Kraft. Unsere Gefühle und Stimmungen wirken „ansteckend“, Gedanken können, wie Experimente der Telepathie zeigen, über weite Distanzen hinweg von anderen Personen empfangen werden. In der Regel erfolgt dies unbewusst; wir wirken ständig zugleich als Sender und Empfänger von Gedanken und Gefühlen. Die Analogie der Radiowellen mag hier als Gleichnis hilfreich sein, wenngleich die „Wellen“ der Gedanken und Gefühle einem völlig anderen Bereich anzugehören scheinen, als die uns bekannten physikalischen Wellen.

c) Der Geist

Im Denken liegt also - in unserer Zivilisation - der Schwerpunkt unseres Bewusstseins. Wir gebrauchen aber - und mit Recht - die Redewendung „ich denke“. Es gibt also offenbar etwas in uns, das noch über oder hinter dieser Denkfunktion steht. Denn „ich“ kann auch meinem Denken gebieten, einen Gedanken fallen zu lassen und sich einem anderen Gedanken zuzuwenden. Das Denken ist nur eine Brücke zwischen der äußeren Welt und diesem „Ich“.

Was ist dieses „Ich“?

Etwas, was manchmal „Ego“, manchmal „Geist“ genannt wird, etwas, was in der Religion gemeint ist, wenn sie davon spricht, dass der Mensch eine „unsterbliche Seele“ habe. Der Ausdruck Seele ist in diesem Zusammenhang allerdings missverständlich, denn „Seele“ ist die wörtliche Übersetzung des griechischen Wortes „Psyche“, und die Psyche ist nicht unser Ich und nicht unsterblich. (Anmerkung des Autors: Die griechische Philosophie nannte den Geist in seinem Aspekt als innerste Lebenskraft, als „Geisteshauch“ Pneuma, in seinem Aspekt als Weisheit Nous, die Seele aber Psyche. Die dem entsprechenden Sanskritausdrücke sind für Geist Atma und Buddhi, für die Seele in ihrem intellektuellen Aspekt Manas, in ihrem emotionellen Aspekt Kama.)

Dieses eigentliche Ich des Menschen ist jedoch mit Worten nicht zu beschreiben, denn die Sprache ist ein Produkt des Denkens und reicht daher nicht über den Bereich des Denkens hinaus. In der symbolischen Ausdrucksweise der Evangelien wird den Menschen gesagt „Ihr seid Götter“, die Menschen werden „Kinder Gottes“ genannt, und es heißt „euer Vater im Himmel“. In der indischen Tradition wieder wird davon gesprochen, dass Buddhi-Manas, das zur Weisheit gewordene Denken, zu Atma, dem Geist, emporgezogen wird und dass dieser seinerseits eins mit Brahman, dem Universalgeist, ist.

Man könnte daher das innerste Ich des Menschen vielleicht am ehesten als einen kristallisierten individuellen Bewusstseinspunkt im großen kosmischen - oder göttlichen - Bewusstseinsmeer bezeichnen, in der Symbolsprache der alten Esoterik als einen Funken aus der göttlichen Geistesflamme.

Es folgt Kap. 4 „Wiederverkörperung oder Reinkarnation“
Quelle: Nobert Lauppert, Pilgerfahrt des Geistes, Graz 1972; Kap.3.
Das Büchlein ist - wenn überhaupt - nur noch antiquarisch zu erhalten.

 



Autor: Norbert Lauppert