„Werde, der du bist!" - Durch Nacht zum Licht
 
Ein biographischer Versuch über Kindheit und Jugend
Erhard Bäzners
 
(2. Fortsetzung)
 
 
Reiner Ullrich

Mehr als ein Jahr im Krankenhaus

Bis in sein zwölftes Jahr war Erhard Bäzners Kindheit zwar nicht so verlaufen wie die der meisten anderen Menschen, aber doch - unter der Obhut seiner verständnisvollen, von ihm hoch verehrten Mutter - ohne Umbrüche, Raum gebend einer allmählichen Entfaltung seiner Fähigkeiten und Kräfte. Was nun geschah, veränderte sein Leben dramatisch: Es machte ihn nicht nur für den Rest seiner Tage zum körperlich Behinderten - er mußte sich auch, obwohl er nach seiner Genesung noch einige Zeit im oberen Enztal leben sollte, in ein gründlich verändertes Umfeld finden.

Der Sturz vom Kirschbaum

Kirschbaumholz bricht leicht. Der Kirschbaum, auf den der etwa zwölfjährige Erhard Bäzner stieg, stand an einer Mauer, und deshalb fiel der Stürzende nicht so tief und nicht ins weiche Gras, sondern auf die Mauer. Er prallte mit dem Rücken in der Gegend des Kreuzbeins auf, wo ein knöcherner Auswuchs knapp handflächengroß ein wenig aus dem Rücken hervorragte. Dieser Auswuchs wurde beim Aufprall in den Rücken hineingedrückt, und zusätzlich sorgte ein spitzer Stein genau an der Stelle der Mauer dafür, daß Erhard Bäzners Rückgrat gespalten wurde...

Ärztliche Hilfe - woher?

Der für das obere Enztal zuständige Arzt war Dr. Teufel aus Wildbad. Sein Name gab Anlaß zu spöttischen Bemerkungen, wenn jemand starb, den er behandelte: „Den hat der Teufel geholt!" - Der kleine Erhard, dem solches natürlich auch zu Ohren kam, nahm es wörtlich und hatte deshalb fürchterliche Angst vor diesem Arzt, so fürchterlich, daß er jedesmal drei oder vier Stunden irgendwo im Walde verschwunden war, sobald er vernahm, daß der Dr. Teufel im Dorfe sei. Erhards Mutter wußte um die Angst ihres Sohnes, und weil sie fürchtete, er würde, falls er aus seiner tiefen Ohnmacht erwachen sollte und den Dr. Teufel über sich erblickte, seine Augen vor Schreck gleich wieder zumachen, und zwar für immer. Deshalb rief sie -Telefon gab es 1897 im oberen Enztal schon! - nicht in Wildbad an, sondern im Krankenhaus in Altensteig.
 
Altensteig im oberen Nagoldtal ist kaum weiter von Enzklösterle entfernt als Wildbad, aber nach Wildbad kann man, der Großen Enz folgend, immer talabwärts fahren, während man nach Altensteig zunächst auf steiler Straße die Höhe über dem Enztal erreichen muß.
 
Dr. Bornitz in Altensteig gab telefonisch genaue Anweisungen, nicht nur daß und wie ein Wagen sorgfältig mit Stroh und Heu ausgepolstert werden müsse, damit der Verletzte möglichst erschütterungsfrei transportiert werde, sondern er riet auch, kräftig vorzuspannen, mit zwei oder drei Paar Pferden, damit man auf den etwa zwei Kilometern Steilanstieg nicht zu viel Zeit verliere.

Eine Operation auf Leben und Tod und ihre Nachwirkungen

„Wenn wir eine Operation wagen, kürzen wir dem Buben - wenn sie, wie zu befürchten, nicht gelingt - das Leben höchstens um vierzehn Tage", sagte Dr. Bornitz zu Erhards Mutter. Sie stimmte der Operation zu, und sie war auch damit einverstanden, daß ein Stück Muskelfleisch aus ihrem Schenkel entnommen würde zum Ausfüllen der großen Operationswunde. Dazu kam es nicht - die Mutter war zu schwach. Stattdessen bekam Erhard Bäzner ein Stück frischgeschlachtetes Kalbfleisch eingesetzt, das auch einwuchs, das der Körper aber immer wieder abzustoßen versuchte, insbesondere jedes Frühjahr und jeden Herbst, und diese Reaktionen waren jedesmal äußerst schmerzhaft. - Ich habe Erhard Bäzner, wenn er sich sonst unbeobachtet fühlte, nicht nur einmal stöhnen gehört, und immer ging und stand er gebückt, gestützt auf seinen Stock. Nur eine einzige kurze Zeit, im Anschluß an eine Dauerbrausekur, war es anders: Der rund Siebzigjährige sprühte vor Kraft und Lebensfreude, ging und stand aufrecht und zeigte uns voller Stolz, daß er, mit durchgedrückten Knieen sich vorbeugend, den Boden vor seinen Füßen mit den Fingerspitzen berühren und sich ohne Schwierigkeiten wieder aufrichten konnte. Leider währte diese Schmerzfreiheit und Beweglichkeit nur wenige Wochen! - Nach diesem weiten Vorgriff zurück ins Jahr 1899:

Der Blick von der "anderen Seite"

Dr. Bornitz hatte sich für diese seine erste größere Operation der Assistenz eines Kollegen versichert, und die Operation gelang - genau beobachtet vom Patienten. Etliche Male habe ich Erhard Bäzner hiervon erzählen gehört: Die Gnomen turnten an den Gardinenstangen und vollführten die tollsten Luftsprünge, und die Sylphen sangen und musizierten, denn der, der in seinem Körper Erhard Bäzner hieß, sollte abgelenkt werden, daß er nicht etwa versuche, in diesen bewußtlosen Körper zu schlüpfen! Dessen geringste Bewegung hätte den Erfolg der ärztlichen Bemühungen zunichte machen können. Aber was da mit dem Körper geschah, das war so interessant, so spannend, daß dessen Besitzer der Gnomen und Sylphen nicht achtete, sondern genau sehen wollte, wie der Chirurg ein Messerchen dicht neben das andere ins noch nicht entzündete Fleisch drückte, rund um die große Wunde, um dann das ganze zerstörte Gewebe herauszuheben. Es fehlten nicht mehr viele Messerchen - da brach eines ab beim Hineindrücken. „Jetzt ist doch alles umsonst!" rief Dr. Bornitz und schmiß das Teil, das in seiner Hand geblieben war, zu Boden. Sein Assistent redete ihm zu: „Ach, Herr Kollege, versuchen Sie es doch noch einmal!"
 
Die Operation ging weiter, und nachdem der Patient aus der Narkose erwacht und wieder etwas zu Kräften gekommen war, erzählte er seinem Arzt und den Schwestern den Verlauf des Eingriffs ausführlich in allen Einzelheiten - ausführlicher jedenfalls unter dem frischen Eindruck, als ich es Jahrzehnte später erzählt bekam. Erstaunte Gesichter dürfte es dabei gewiß gegeben haben, ich habe aber nie etwas gehört, daß Dr. Bornitz mit Unverständnis oder gar Spott reagiert hätte. Im Gegenteil: Das Krankenhaus in Altensteig sei der erste Ort gewesen, an dem sich Erhard Bäzner „als Mensch" behandelt fühlte - also nicht als „Verrückter", sondern ernst genommen und auch als Kind schon in seiner Würde geachtet.
 
Wenn Dr. Bornitz zur Visite kam, stand er gewöhnlich vor Erhards Nachttischchen, und wenn er wieder ging, lag dort ein Apfel, eine Orange, eine Banane - kein Wunder, daß es dem Buben dort gefiel! Bald wurde er zum Liebling des ganzen Krankenhauses. Eineinviertel Jahre blieb er dort, zweimal unterbrochen von Aufenthalten in der Tübinger Universitätsklinik, wo man den Fortgang der Heilung überprüfte und begutachtete.

Auf dem Kutschbock

Als der Patient nicht mehr das Bett hüten mußte, sondern aufstehen durfte und umhergehen, nahm ihn Dr. Bornitz manchmal mit, wenn er in den umliegenden Dörfern Kranke besuchte. Sein „Hafermotor", ein knappes PS leistend, hatte gegenüber moderneren Fuhrwerksantrieben einen großen Vorzug: Er kannte seinen Weg. Die Zügel hingen durch, und da am Ende des 19. Jahrhunderts auch anderer Straßenverkehr nicht zu beachten war, nützte der Herr Doktor auf seinem Kutschbock die Zeit zum Lesen. Der kleine Erhard neben ihm buchstabierte sich zusammen, was auf dem Einband des Buches stand: „Die weiße und schwarze Magie von Franz Hartmann M. D." Es war ein kurz vorher erschienenes Werk - aber das konnte der junge Fahrgast noch nicht würdigen; ebensowenig konnte ihm der Name des Verfassers damals etwas sagen, des Mannes, dem Erhard Bäzner etwa sechs Jahre später begegnen sollte.

Der richtige Arzt für den richtigen Patienten

Dr. Bornitz vertrug das rauhe Schwarzwaldklima nicht gut; deshalb zog er nach einigen Jahren in eine wärmere Gegend: er ließ sich in Bensheim an der Bergstraße nieder. Dort suchte ihn, in den zwanziger Jahren des abgelaufenen Jahrhunderts, sein ehemaliger Patient auf, eine Vortragsreise kurz unterbrechend. Dr. Bornitz, hocherfreut über das unerwartete Wiedersehen, ließ sich natürlich ausführlich berichten, nicht nur über die glückliche vollständige Genesung - wobei gewiß auch dessen gedacht wurde, was mir Erhard Bäzner in anderem Zusammenhange berichtet hat: Als er sich im August 1914 als Kriegsfreiwilliger meldete (und wegen seines Rückens natürlich abgelehnt wurde), hielt er das ganze „Musterungsgeschäft" auf, weil alle anwesenden Militärärzte sehen wollten, was für ein Wunder ihr Kollege im Krankenhaus von Altensteig vollbracht hatte.
 
Vor allem aber wollte Dr. Bornitz wissen, was aus seinem Schwarzwaldbüble geworden war: ein Schriftsteller und Vortragsredner, der, manchmal wochenlang unterwegs, fast jeden Abend in einer anderen Stadt sprach. Worüber? Als Dr. Bornitz erfuhr, daß Erhard Bäzner als Schüler und Nachfolger jenes Dr. Franz Hartmann bestrebt sei, dessen Werk weiterzuführen, soll er gesagt haben: „Jetzt weiß ich, warum ich Arzt werden mußte."

Rückkehr ins Enztal

Nur mit List konnte man den jetzt dreizehnjährigen Erhard „nach Hause" bringen. Eigentlich hatte er dort kein „Zuhause" mehr. Seine Mutter war inzwischen vor Gram gestorben1 - was sollte er da bei Stiefvater und Stiefbruder2? Jedenfalls blieb er mit Letzterem, der Polizist wurde und in Stuttgart-Bad Cannstatt wohnte, in Verbindung. Herr Roller verstarb verhältnismäßig früh, aber der Kontakt nach Dresden, wo Erhard Bäzner dann rund dreißig Jahre lebte, blieb bestehen und wurde mit der Witwe und ihrem Sohn so gut gepflegt, daß zum Beispiel die Wiedergründung der Theosophischen Gesellschaft Stuttgart nach dem 2. Weltkrieg in deren Haus stattfinden konnte.
 
Der sich des genesen Zurückgekehrten in seinem Heimatdorf annahm, war Hans-Jörg Gauß3, sein leiblicher Vater, dessen Militärdienst in „Deutsch-Ost" um diese Zeit zu Ende gegangen war. Viel hat mir Erhard Bäzner von ihm nicht erzählt, aber immer wieder hat er betont, wie treu sein Vater zu seiner Mutter hielt. Hans-Jörg Gauß wurde fünfundachtzig Jahre alt, und er blieb „Witwer". „Ihr habt mich die nicht heiraten lassen, die ich wollte", habe er seinen Verwandten regelmäßig entgegnet, die ihn immer wieder zur Heirat drängten. Die Mittel für Ehestand und Familiengründung hätte er inzwischen wohl gehabt, vor allem ein stattliches Häuschen, wunderbar gelegen am Talhang nahe dem Ortsausgang an der Straße nach Freudenstadt. Wenn er dorthin abends nach Hause kam, stand für ihn kein dampfendes Essen auf dem Tisch - er mußte in der kalten Stube zuerst Feuer machen, er mußte sich seine Mahlzeiten selbst zubereiten ... Andere mochten denken, es sei Starrsinn, was ihn durch all die Jahrzehnte an seiner Einsamkeit festhalten hieß - er gedachte der Liebe seines Lebens.
 
(Fortsetzung folgt)
 
1 Lt. Eintragung im „Familienregister II Enzthal ab 1847", Seite 124, aufbewahrt im Evangelischen Pfarramt Enzklösterle, ist Wilhelmine Karoline Roller, geb. Bäzner (geb. am 10. April 1868 in Mittelenzthal) im Ortsteil Süßbächle am 8. Dez. 1899 verstorben. Ihr Witwer Gottlieb Roller heiratete am 17. Juni 1900 seine 2. Frau Karoline, geb. Finkbeiner.
 
2 a. a. O.: Johann Gottlieb Roller, geb. 11. Febr. 1897
 
3 Lt. „Todten-Register Enzklösterle vom 1. Januar 1847 bis ..." (aufbewahrt im Evang. Pfarramt Enklösterle), Jahre 1951/52, Nr. 11: „Johann Georg Gauß (...) geb. 10. April 1866, ... gest. 12. Sept. 1951 ..."
 


Autor: Reiner Ullrich